Zurück zur Hauptseite

Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Wintersemester 2001 / 2002

Katholisch-theologische Fakultät

Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte

Hauptseminar: Das Jahr 1800 als religiöse Epochenschwelle
Leitung: Prof. Dr. Andreas Holzem

Das sog. ›Gräfinthaler Mirakelbuch‹.

Zeugnis barocker Religiosität und Gegenstand digitaler Edition

vorgelegt von:

Thomas Meyer

Abgabetermin: 4. Juli 2002

Veröffentlichung im Netz: 9. Dezember 2002


Gliederung:

1. Einführung
2. Historische Verortung: kurze Geschichte des Klosters Gräfinthal
   2.1. Der Wilhelmitenorden
   2.2. Der Konvent in Gräfinthal I: Vorgeschichte
   2.3. Der Konvent in Gräfinthal II: Die Situation zur Zeit des Mirakelbuches
   2.4. Der Konvent in Gräfinthal III: Ausblick auf das weitere Schicksal
3. Die literarische Gattung des ›Mirakelbuches‹ und ihre Bedeutung als historische Quelle
4. Textanalyse des Gräfinthaler Mirakelbuches
   4.1. Hinweise zu Titel, Textgestalt, -Überlieferung und Gliederung
   4.2. Die digitale Fassung
   4.3. Einleitende Partien - Chronistik etc.
     4.3.1. Widmung und Imprimaturvermerke
     4.3.2. Vorrede "an den christlichen Leser"
     4.3.3. Die Klostergründungslegende
   4.4. Die Mirakelsammlung
     4.4.1. Theologische Begründung
     4.4.2. Der Erzählduktus der Wunderberichte
     4.4.3. Soziale und geographische Herkunft der Fürbittenden
     4.4.4. Probleme, die überirdischer Lösung bedürfen
5. Resümee
6. Bibliographische Angaben
   6.1. Quellen
   6.2. Sekundärliteratur

1. Einführung

[Zum Inhalt]

         "Pro captu lectoris habent sua fata libelli" -
         "wie der Leser sie auffaßt, so haben ihr Schicksal die Büchlein."

In dieser berühmten und vielzitierten Aussage des lateinischen Grammatikers Terentius Maurus klingt wohl nicht zuletzt Skepsis gegenüber den Möglichkeiten eines adäquaten Textverständnisses an; es liegt nicht allein an der Qualität des Textes, ob er in der rechten Weise rezipiert wird, sondern das "fatum" des "Büchleins" kann auch trotz seiner eigentlichen Qualität auf falsches oder Un-Verständnis stoßen - der Autor ist praktisch machtlos gegenüber diesen Faktoren.

Andererseits macht es gerade einen Reiz der Lektüre alter Texte aus, in diesen andere Aspekte zu finden und herauszulesen, als dies bei den zeitgenössischen Rezipienten der Fall war; der Leser nach dem Ende der vielzitierten ›Postmoderne‹ wird einen Text der Vormoderne anders betrachten und andere Fragen an diesen richten, als die zeitgenössische Rezeption.

So trivial diese Aussagen klingen mögen, gerade die Rezeption des Textes, um den es im folgenden gehen soll, macht deutlich, daß sich moderne Rezipienten keineswegs immer der Notwendigkeit und Legitimität solcher Umakzentuierungen bewußt waren: Das ›Gräfinthaler Mirakelbuch‹, dessen ursprünglicher Titel nicht erhalten ist, wurde 1671 vom Gräfinthaler Wilhemitenmönch Friedrich Schaal verfaßt; es enthält knappe Angaben zur Geschichte seines Konventes im heutigen deutsch-französischen Grenzgebiet in der Nähe der Stadt Saarbrücken sowie - und darauf liegt ohne Zweifel der Hauptakzent seines Verfassers - Nacherzählungen von 86 Wundern, die die Jungfrau Maria ›von Gräfinthal‹ Bittenden gewährt habe.

Das heutige Interesse am Text geht somit meist nicht mit dem seines Verfassers konform: Der an der Rekonstruktion der Gräfinthaler Klostergeschichte Interessierte wird stärker die in Schaals Text eher marginalisierten Passagen historischen Berichtes rezipieren; die Wunderberichte haben demgegenüber eher Bedeutung als Zeugnisse barocker Frömmigkeit denn als Beweise der Wahrheit des christlichen Glaubens.

Im folgenden soll versucht werden, das Mirakelbuch unter diesen verschiednen Aspekten zu lesen. Den Ausgangspunkt muß dabei eine kurze Rekonstruktion der historischen Situation bilden, in der der Text entstanden ist. Dazu ist auch ein Blick auf die Geschichte des Wilhelmitenordens im allgemeinen notwendig. Sodann muß der Blick auf die literarische Textgattung gerichtet werden, der Schaals Text angehört, um zum Schluß diesen selbst nochmals einer kursorischen Lektüre unterziehen zu können.

2. Historische Verortung: kurze Geschichte des Klosters Gräfinthal

[Zum Inhalt]

Voraussetzung zu adäquatem Verständnis des Gräfinthaler Mirakelbuches ist ein kurzes Resümee der Konventshistorie. Bei Gräfinthal handelt es sich um eines der wenigen Wilhelmitenklöster Deutschlands; ja es ist dasjenige auf deutschen Boden, das in der Niedergangsphase des Ordens noch am längsten Bestand hatte. Somit erscheint es legitim, auch über den Wilhelmitenorden als solchen einige Worte zu verlieren, bevor der Blick auf Gräfinthal selbst gerichtet werden kann.

2.1. Der Wilhelmitenorden

[Zum Inhalt]

Der Wilhemitenorden, dem der Verfasser des Mirakelbuches angehört, geht auf eine Eremitengemeinschaft zurück, die sich nach dem Tod des Wilhelm von Malavalle 1157 aus seinen Anhängern formiert hatte und von diesem auch den Ordensnamen ableitete.1 Wilhelm selbst stammte wohl aus einem französischen Adelsgeschlecht und wurde aus uns unbekannten Gründen von Papst Eugen III. (1145-1153) exkommuniziert. Um seine Rekonziliation zu erwirken, unternimmt er Wallfahrten nach Santiago und Palästina; schließlich vollzieht Wilhelm endgültig den Wandel zu einer asketischen Lebensweise, indem er sich als Einsiedler in ein toskanisches Gebirgstal (das namensgebende "mala vallis") zurückzieht. Seine dortige vita religiosa ist geprägt durch rigorose Askese und Leibfeindlichkeit; der menschliche Körper muß nach Wilhelm in seinen Bedürfnissen unterdrückt werden, um der Seele den nötigen Raum zu Kontemplation und Gebet einräumen zu können. Daneben sucht Wilhelm das zeittypische Ideal von der imitatio Christi zu verwirklichen, die er in der Gleichwerdung mit dem leidenden Erlöser sieht und durch konsequente Anachorese zu erreichen sucht.

Wilhelm von Malavalle stirbt am 10. Februar 1157; die Kanonisation erfolgt bereits 1202 durch Innozenz III. (1198-1216). Seine Verehrung bleibt zunächst auf die Toskana beschränkt; doch die Gemeinschaft seiner Anhänger kann sich zu einer Ordensgemeinschaft festigen und erlebt schließlich im 13. Jahrhundert eine rasante Ausbreitung in Italien. Unter Innozenz IV. (1243-1254) begann die Ausbreitung des Ordens auch im nördlichen Europa durch großzügige Vergabe päpstlicher Privilegien an den sich festigenden Orden. Dabei stand seitens Innozenz' wohl auch die Absicht im Hintergrund, durch den Umbau des Wilhelmitenordens zum Seelsorgeorden, der mit der päpstlichen Unterstützung verbunden war, sich ein wirksames Instrument in der Auseinandersetzung mit Friedrich II. zu formen. Insbesondere die Erlaubnis zu Predigt, Beichte und Meßfeier auch in interdizierten Regionen deuten in diese Richtung. Den Höhepunkt dieser Privilegierung markiert die Bulle "Justis petentium desideriis", die den Ordensoberen gestattet, "kirchlich Zensuierte als Novizen in den Orden aufzunehmen [und] sie von der Exkommunikation zu absolvieren"2 .

Neben der päpstlichen Unterstützung war für die Ausbreitung des Ordens aber vor allem auch die Unterstützung durch den lokalen niederen Adel wesentlich. Immerhin ist auch hier auffallend, daß der Orden sich zunächst gezielt in den Ländern der antistaufisch-päpstlichen Bundesgenossen niederließ: Im Herzogtum Brabant, den Grafschaften Flandern und Rethel sowie den Bistümern Lüttich und Münster entstehen Konvente; im Verlauf des 13. Jahrhunders folgt die Gründung von Niederlassungen auch in Thüringen, in der Pfalz, im Elsaß und im Schwarzwald. Im 14. Jahrhundert werden schließlich auch städtische Konvente, etwa in Worms (1299), Speyer (1317) und Mainz (1364), gebildet. Nicht ganz zu Unrecht spricht die deshalb vom Wilhelmitenorden auch als von einem "Modeorden" jener Zeit.3

In der Mitte des 13. Jahrhunderts kommt es zu dann zu einer Art von "Bewährungsprobe", aus der der Wilhelmitenorden jedoch gestärkt hervorgeht: der Auseinandersetzung mit dem Orden der Augustiner-Eremiten. Während des Pontifikates Alexanders IV. (1254-1261) strebt die Kurie nach einer Vereinheitlichung bzw. Zusammenfassung der zahlreichen in Italien aktiven Eremitorien und eremitischen Gemeinschaften. Am 9. April 1256 bestätigt Alexander in der Bulle "Licet ecclesiae catholicae" die Auflösung der bestehenden Gemeinschaften und approbiert gleichzeitig den neuen "Ordo Fratrum Eremitarum Sancti Augustini" als Sammelbecken. Während sich die meisten eremitischen Gruppen in die Situation fanden, regte sich seitens der Wilhelmiten Widerstand, was dazu führte, daß der Papst bereits am 22. August desselben Jahres in der Bulle "Licet olim" den Wilhelmitenorden aus der Union ausnimmt und diesem statt dessen die Beibehaltung des bisherigen Ordensstatus gebietet. Wiederum nur weinge Tage später, am 28. August, bestätigt Alexander den Wilhemiten durch das Schreiben "Religiosam vitam eligentibus" ihre Existenzform als "ordo eremiticus". Neben die beiden bestehenden anerkannten ordines des "ordo canonicus" bzw. "monasticus" tritt nun offiziell der "ordo eremiticus", die Existenzform der Eremitenorden.

Allerdings begann bereits im 14. Jahrhundert der unaufhaltsame Niedergang des Wilhelmitenordens: 1340 findet das letzte Generalkapitel im Mutterhaus des Ordens in Malavalle statt; 1373 wird die Ordensniederlassung in Rom aufgelöst, die anderen italienischen Konvente folgen binnen der nächsten 100 Jahre. Lediglich dem Mutterhaus in Malavalle gelingt es, sich bis ins 16. Jahrhundert zu halten, ehe es 1564 ebenfalls aufgelöst wird. Auch die Reformversuche im Anschluß an das Basler Konzil zeitigten kaum positive Resultate. Im nördlichen Europa beschleunigte schließlich die Reformation den Niedergang des Orden; die einzigen Klöster der einstigen deutschen Ordensprovinz, die den Dreißigjährigen Krieg überdauern, sind die vier süddeutschen Niederlassungen Sion, Mengen, Oberried und Gräfinthal. Die ersteren drei wurden 1725 der Benediktiner-Abtei St. Blasien inkorporiert, mit Gräfinthal selbst wird 1785 das letzte deutsche Wilhelmitenkloster aufgelöst und die bisherigen Mönche in das neugegründete Kollegiatstift St. Sebastian in Blieskastel übernommen.

Das endgültige Ende der Ordensniederlassungen der ehemaligen französichen Ordensprovinz erfolgte wenig später in Folge der Französichen Revolution. Am 3. August 1879 schließlich stirbt in einer Zisterzienserabtei mit Pater van den Berg das weltweit letzte Mitglied des Wilhelmitenordens.

2.2. Der Konvent in Gräfinthal I: Vorgeschichte

[Zum Inhalt]

Die Ordensniederlassung der Wilhelmiten in Gräfinthal, der Heimat des Verfassers des zu behandelnden Mirakelbuches, sei, so gibt dieser selbst kund, im Jahre 1243 von der Blieskasteler Gräfin Elisabeth gestiftet worden.4 Allerdings wird diese - sich im Kern auf eine Privaturkunde des Saarbrücker kaiserlichen Notars Friedrich Kieffer aus dem Jahre 14215 stützende - Datierung von der neueren Forschung wohl zu Recht abgelehnt und die Klostergründung statt dessen eher in die Jahre 1253 bis 1256 datiert.6 Als Motiv für die Klostergründung weiß die Legende7 von der wundersamen Heilung der Blieskasteler Gräfin von einem Augenleiden zu berichten, was diese dazu bewog, das Wilhelmitenkloster in einem einsamen Tal zu gründen, wo bisher schon ein Einsiedler eine Pieta verehrte.8 Die - von der Forschung im wesentlichen unbestrittene - Tatsache der Klostergründung durch das Grafengeschlecht von Blieskastel wurde schließlich auch für die Anlage namensgebend,9 ebenso wie das ursprünglich von jenem Einsiedler bewohnte Flurstück den Namen "Brudermanns-Acker" erhielt, der sich bis heute als Flurbezeichnung erhalten hat.

Ähnlich im Dunkeln wie die näheren Umstände der Klostergründung liegen die Entwicklungen innerhalb der ersten Jahrzehnte seines Bestehens. Die prekäre Quellenlage für den Gräfinthaler Konvent wird insofern etwas gebessert, als davon auszugehen ist, daß sich die spezielle Klosterentwicklung Gräfinthals innerhalb von Rahmenbedingungen abgespielt hat, die für das Gesamt des Wilhelmitenordens gelten. Die Gräfinthaler Klostergründung fällt sozusagen in eine Phase der Festigung und quasi Selbstfindung des Wilhelmitenordens, die mit der Loslösung von den anderen Eremitenorden einhergeht und in der Festlegung der Ordenskonstitutionen 1271 seinen Ausdruck findet. Die weitere Ordensexpansion richtet sich vorwiegend auf unkultivierte Landstriche, städtische Konventsniederlassungen werden im 13. Jahrhundert noch weitgehend gemieden.

Eine materielle Absicherung des Gräfinthaler Konventes erfolgt zunächst mit der Schenkung der Pfarrei Blickweiler durch die Grafen von Blieskastel sowie durch die Herrschaft von Mengen10 der Pfarrei Mengen selbst; jedoch sind die jährlichen Einkünfte, die Gräfinthal beispielsweise aus dieser zieht, mit 8 Mark Silber11 sehr bescheiden, was etwa der Vergleich mit Einnahmen elsässischer Klöster deutlich macht, wo Pfarreien mit jährlichen Einnahmen von 40, 50, ja 70 Mark begegnen.12 Zwar kommen im Laufe der Zeit weitere Schenkungen hinzu und das Kloster bezieht überdies Einnahmen aus Meßstipendien etc., doch hat sich die bedrohliche finanzielle Situation Gräfinthals erst im 14. Jh. langsam gebessert; im 15. Jh. scheint schließlich ein bescheidener Höhepunkt erreicht, als das Kloster sich in einer Urkunde - dem sog. "Instrumentum de Fundatione" um die Festigung der eigenen materiellen Errungenschaften bemüht.13

Im 16. Jh. wird das Kloster von den beiden allgemeinen Bewegungen der Zeit stark betroffen: Der Bauernkrieg führt 1524/25 zur Plünderung des Klosters, nur wenige Wertgegenstände können mit List und Tücke vor den Plünderern gerettet werden.14 Die Reformation schließlich betraf Gräfinthal eher indirekt: Zwar blieb die unmittelbare Landesherrschaft (Herzogtum Lothringen) katholisch, in den Nachbarterritorien (Grafschaft Saarbrücken, Herzogtum Zweibrücken) jedoch wurde die Reformation eingeführt - und Gräfinthal somit zur katholischen Enklave. Mehrfach kam es um die Besetzung der zum Kloster gehörenden Mengener Pfarrei mit einem katholischen oder lutherischen Pfarrer zu Streit, was die prekäre Situation des Klosters in der Folge der Reformationszeit unterstreicht.

2.3. Der Konvent in Gräfinthal II: Die Situation zur Zeit des Mirakelbuches

[Zum Inhalt]

Das 17. Jh. - die Gegenwart des Schaalschen Mirakelbuches - und insbesondere die Zeit des Dreißigjährigen Krieges bedeutet zunächst den vorläufigen Tiefpunkt der Geschichte des Gräfinthaler Wilhelmitenkonventes: Mit dem Einfall Frankreichs in das bis dahin neutrale Lothringen im Juni 1633 wird auch die Bliesgegend zunehmend zum Kriegsgebiet. Insbesondere 1634-36 kam es zu starken Kämpfen in Lothringen, der Pfalz und dem heutigen Saarland; durch wechselndes Kriegsglück verschob sich die Kampfzone mehrmals hin und her, die Verwüstungen "ließen nichts mehr übrig als ein Trümmerfeld. Und inmitten desselben lag Gräfinthal."15 In diesem allgemeinen Chaos wurde auch der Konvent völlig zerstört - jedoch läßt sich das Datum der Verwüstung nicht mehr genau rekonstruieren. Schaal nennt ohne Berufung auf Quellen das Jahr 164016 und bezeichnet die ›Täter‹ als "Britannier"; es gibt m.E. keinen hinreichenden Anlaß, an dieser einzigen relativ zeitgenössischen Datierung zu zweifeln und auch die Täternennung kann wohl Glaubwürdigkeit beanspruchen, zumal die französischen Truppen auch irische und schottische Söldner führten.17 Auch nach den direkten Zerstörungen durch den Krieg wurde der Konvent wahrscheinlich durch zu dieser Zeit im Saarraum grassierende Epidemien weiter bedrängt, so daß sich das Kloster um 1640/41 im Aussterben befunden haben dürfte. Ins Jahre 1641 fällt schließlich die Ernennung des Priors Hubert Sartorius, der als letzter Konventuale in Gräfinthal verblieben ist und nun den Wiederaufbau betreiben soll.18 Bereits im Juli 1642 erfolgt jedoch seine Resignation; er habe es "unmöglich befunden, dem Gotteshaus wiederum auf die Beine zu helfen und darnebst Conventualen zu halten."19 Auch Sartorius' Nachfolger, Prior Michael Cruyl, konnte offenbar den vom lothringischen Herzog intendierten Wiederaufbau des Priorates nicht leisten; er resignierte 1646, womit das Ende des Klosters besiegelt zu sein schien. Erstaunlicherweise erlebte jedoch Gräfinthal nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges nochmals eine Blütezeit, deren Gründe im Einzelnen weitgehend im Dunkeln liegen: Aus dem Jahre 1650 ist bekannt, daß alle Insassen des Klosters (es muß also wiederum einige gegeben haben) mit Ausnahme eines Bruders, des späteren Priors Johannes Le Roy20 vor einer Gruppe marodierender Soldaten die Flucht ergreifen; Le Roy hatte in der Folgezeit die Verantwortung für das Kloster allein zu tragen und bittet deshalb dringend um die Entsendung von Ordensbrüdern zu seiner Unterstützung.21

Die genannten Angaben zur Situation des Klosters in der Mitte des 17. Jahrhunderts lassen jedoch viele Fragen offen: So muß etwa ungeklärt bleiben, ob das Kloster zwischen der Resignation Sartorius' 1642 und dem Hilferuf Le Roys 1650 nicht doch durchgängig besiedelt war, oder ob Le Roy zu einer Gruppe Wilhelmiten gehörte, die in der Zwischenzeit zur Wiederbesiedlung Gräfinthals aus einem der intakten Konvente der französisch-belgischen Ordensprovinz übersiedelten. Auch die Frage nach der eigentlichen 'treibenden Kraft' der Wiederbelebungsversuche muß unbeantwortet bleiben: Sowohl die Initiative der lothringischen Herzöge im Rahmen allgemeiner Bestrebungen zur Wiederbesiedlung der verwüsteten und entvölkerten Landstriche ist denkbar als auch die Aktivität des Metzer Bischofs, den der in Folge der Kriege gravierende Priestermangel in seiner Diözese zur Sorgfalt um das Kloster getrieben haben könnte.

Unzweifelhaft bekannt ist hingegen der relative Erfolg dieser Wiederbesiedelungsversuche: Die Wilhelmitenmönche kehrten nach Gräfinthal zurück und das im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Gotteshaus wird - so berichtet Schaals Mirakelbuch - "mit Beystand durch freywillige Allmusen Gottseliger Leuten mit grossem Fleiß wieder erbawet."22 Jedoch wird man annehmen dürfen, daß es sich bei diesem Gebäude eher um ein "Notkirchlein"23 gehandelt hat. Immerhin hielt sich der Metzer Bischof d'Abusson de la Feuillarde anläßlich einer Visitationsreise 1669 einige Tage im Gräfinthaler Konevnt auf, was die wirtschaftliche Erholung des Klosters gut zwanzig Jahre nach Kriegsende belegt.

In den folgenden Jahrzehnten übernehmen Gräfinthaler Mönche die Pfarrseelsorge zahlreicher umliegender Gemeinden.24 Die seelsorgerlichen Aktivitäten der Wilhelmitenmönche scheinen bei den Pfarrangehörigen auf überaus fruchtbaren Boden gestoßen zu sein, was jene wiederum in ihrem Tun wesentlich motiviert haben dürfte, wie Friedrich Schaal, selbst im Pfarrdienst in der Gemeinde Mengen, konstatiert: "Fürnehmlich aber hat die Patres dahin bewegt der Leuthen grosser Zulauff / Eyffer und Andacht gegen Unser Lieben Frawen / durch Gelegenheit dieses naheliegenden Orts die übung deß Gottsdiensts zu mehren / und fortzusetzen."25

In diese Epoche fällt auch das Aufblühen der Wallfahrt zum Gräfinthaler Marienbild, was im Zusammenhang mit einem Regionen-übergreifenden frömmigkeitsgeschichtlichen Wandel hin zu jenen Formen steht, die man typischerweise als Barockfrömmigkeit klassifiziert. Die Gräfinthaler Marienwallfahrt könnte nun geradezu als Idealbeispiel dieser Barockfrömmigkeit gesehen werden: Zentraler inhaltlicher Gegenstand der Verehrung ist die Gottesmutter, deren Verehrung nicht zuletzt in Folge des gelungenen Zurückdrängens der türkischen Bedrohung schon seit der Seeschlacht von Lepanto 1571 als gesamteuropäisches Phänomen deutlich zugenommen hatte.

Äußerlich sind für die Frömmigkeit des Barock Wallfahrten, Prozessionen, allgemeiner gesagt kirchlich-gottesdienstliche Großereignisse mit Mobilisierung entsprechend großer Menschenmassen charakteristisch; der individuelle Glaube erbaut sich an dieser sinnlich faßbaren, in an sich stark diesseits-bezogenen Aktivitäten der Glaubenspraxis offenbar werdenden Manifestation des Göttlichen in die Sphäre der ansonsten als zutiefst vergänglich und niedrig erlebten Welt hinein. Diese Welt erfährt der Gläubige des 17. Jahrhunderts nicht zuletzt als permanentes Ausgesetztsein des Menschen einer Fülle von Gefahren gegenüber - gerade die zuvor skizzierte Geschichte des Gräfinthaler Wilhelmitenkonventes als einer Geschichte der immer wieder aufeinanderfolgenden Verwüstungen und Zerstörungen, der Krankheit und des allgemeinen Zerfalls macht jene in nuce zutiefst pessimistische Weltsicht verständlich.

Einerseits bot in dieser Situation die christliche Religion, wie sie beispielsweise von den Wilhelmitenmönchen bei ihrer Pfarrseelsorge vertreten worden ist, den Menschen einen nötigen Halt und tröstliche Orientierung; andererseits wirkte die allgemeine Stimmung nach Beendigung von dreißig Jahren aus Perspektive des Einzelnen sinnlosen Mordens und Brandschatzens sicherlich auch auf diesen Glauben zurück und prägte diesen selbst um. Aus der gegenseitigen Durchdringung von allgemeiner lebensweltlicher Erfahrung und theologischer Spekulation und Glaubensverkündigung scheint das entstanden zu sein, was mit dem Terminus "Barockreligiosität" umschrieben wird.

Für das Beispiel des Gräfinthaler Wilhelmitenkonventes bedeutet dies das Wieder-Erwachen der Wallfahrtsbewegung zum Vesper-Bild ›Unserer Lieben Frau mit den Pfeilen‹. Man wird davon ausgehen dürfen, daß die Pfarrselsorge von Wilhelmitenmönchen in zahlreichen Orten der näheren Umgebung die zunehmend starke Beteiligung der Bevölkerung wesentlich gefördert hat. Gerade Schaals Mirakelbuch schildert die Resonanz der Wallfahrten bei der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften plastisch:

         "Dieweil in einem allgemeinen Kirchgang die Jugend ihres junge alters halbe / wie die schöne auffgehende Morgenröth mit etwan eine anmütigen Exempel herfür scheinet / soll ihrer auch billich insonderheit bedacht werden. Und zwar damit wir an der state Sargemünd und Bließ-Kastel anfangen / ist mit Freuden zu sehen / wie sich die Jugend / mit einem löblichen Streite / zu gewisser Zeit / mit einer grossen Kertzen und Sing-Chören / die Töchter mit Kräntzen auff ihren Häuptern auffgezogen / und ihr Schuldigkeit bey der Mutter Gottes abgelegt / auch viel Meil Wegs grosse Tagreisen baarfuß / ohne Essen und Trincken ihr Gebitt hieher außgericht / und mit besonderm Lust und Trost zu der Mutter Gottes ankommen."26

Nach Schaal bleibt die Beliebtheit der Gräfinthaler Marien-Wallfahrt keineswegs auf Jugendliche beschränkt, vielmehr sei "niemand zu finden / der sich nicht mit innerlicher Begierd und Andacht dahin getrieben befinde / das Closter zu suchen / Mariam zu verehren / und ihr Anligen anzubefehlen"27 . Inwieweit diese Aussage reale Bestandsaufnahme oder Wunschbild ist, bleibt zu hinterfragen.

2.4. Der Konvent in Gräfinthal III: Ausblick auf das weitere Schicksal

[Zum Inhalt]

Um das Jahr 1700 erlebte die Gräfinthaler Wilhelmitenniederlassung den eigentlichen Höhepunkt ihrer Geschichte. Diese Phase ist mit dem Namen Stanislaus Lesczinskys verbunden, jenes vom schwedischen Herrscher Karl XII. 1704 installierten Königs von Polen, der bereits 1709 Polen verlassen mußte und dem schließlich 1714 von Karl, der zugleich Herzog des unweit von Gräfinthal gelegenen Herzogtums Pfalz-Zweibrücken war, mit eben diesem Herzogtum Zweibrücken ›versorgt‹ wurde. Für Gräfinthal ist diese Konstellation insofern von Bedeutung als Stanislaus, als Pole katholisch, seine "Zweybrücker Herrschafft" jedoch, wie schon Schaal berichtet, "anfangs Catholischer Religion / nachmahls Anno 1525 dem Lutherthumb zugethan / hernacher im Jahr 1575 under Hertzog Hansen zum Calvinischen Irrthumb gerathen"28 war - mit anderen Worten: Stanislaus war, um seinen Glauben ›ausleben‹ zu können, auf das katholische ›Ausland‹ angewiesen, was seine äußerst engagierte Unterstützung für das Gräfinthaler Marienheiligtum verständlich machen dürfte.

Im einzelnen bedeutete die Beziehung der Mönche zum Zweibrücker Exilanten wohl vielfältige moralische und materielle Unterstützung (u.a. wurde der damals in Zweibrücken tätige schwedische ›Hofarchitekt‹ Sundahl für das Projekt abgestellt) v.a. beim Neubau der Klosterkirche (Einweihung 1719), in der auch die 1717 verstorbene Tochter Lescinskys beigesetzt wurde, sowie einiger Wirtschaftsgebäude.

Auch nachdem Lescinsky bereits 1719 nach dem Tode seines schwedischen ›Gönners‹ Zweibrücken wieder verlassen mußte, hielt die hausse in Gräfinthal offenbar noch weiter an: Aus dem Jahre 1733 ist ein Vertrag des Wilhelmitenpriors mit dem lothringischen Bildhauer und Kunstschnitzer Jean Martersteck über die Lieferung prachtvoller barocker Innenausstattung der Klosterkirche erhalten.

Wenn der Höhepunkt innerhalb der Gräfinthaler Klostergeschichte auch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lag, so zeichneten sich doch spätestens ab 1750 deutliche Spuren des Niedergangs ab, wofür sich verschiedene Ursachen ausmachen lassen: Eine Schwierigkeit bestand darin, daß zu diesem Zeitpunkt - wie bereits skizziert - der Wilhelmitenorden auf seine bisherige flandrische Ordensprovinz zusammengeschrumpft war. Erschwerend kam hinzu, daß der Gräfinthaler Konvent das einzig deutschsprachige Kloster des Gesamtverbandes war, was die Aufgaben des 1738 zum Generalprior gewählten Gräfinthaler Mönches Wilhelm Gouvy sicherlich nicht eben einfacher machte. Auch die weite räumliche Distanz zu den übrigen Wilhelmitenniederlassungen mag erschwerend mitgewirkt haben.

Wenn auch das deutsch-französische Sprachproblem die Kommunikation innerhalb des Ordens dank der lateinischen ›Hochsprache‹ weniger gestört haben mag, so ist dies evtl. umso mehr zum Problem der lokalen Gräfinthaler Seelsorgearbeit geworden: Wegen fehlender Studienmöglichkeiten für den Ordensnachwuchs mußte die Priesterausbildung im französischsprachigen Ausland erfolgen; die Frage erscheint legitim, ob Mönche, die sich unter französischen Kommilitonen in Frankreich eine lateinische Bildung aneigneten, optimal geeignet waren, in der deutschen Provinz Seelsorge und Predigtdienst zu leisten. Tatsächlich kommt es in der Residenz Blieskastel im Jahre 1748 zu Straßenaufläufen mit dem Ziel des Austausches des dortigen (ja von Gräfinthal aus besetzten) Pfarrers gegen einen Deutschsprachigen29 - die Entfremdung ist immerhin offenkundig.

Sogar die Wallfahrt zu ›Unserer Lieben Frau mit den Pfeilen‹, bisher geradezu Aushängeschild des Gräfinthaler Wilhelmitenkonventes, trägt jetzt zum Niedergang bei: Im November des Jahres 1784 verbietet der zuständige Bischof von Trier, Clemens Wenzelslaus, alle Prozessionen zum Gnadenbild, die aufgrund der räumlichen Entfernung länger als eine Stunde dauern würden. Diese Anordnung ist unter zwei zusammengehörigen Motiven verständlich:

Einerseits war es anläßlich der Gräfinthaler Wallfahrt selbst zu erheblichen Mißständen gekommen; u.a. übernachteten Wallfahrer und -innen gemeinsam in zum Kloster gehörenden Scheunen, was auch die Mönche an der Moralität der Wallfahrt zweifeln ließ, außerdem nahm der Jahrmarks-Charakter des dreimal jährlich stattfindenden kirchlichen Großereignisses immer deutlicher zu. Jedenfalls befand man allgemein, "dass [...] das Aergernis den moralischen Erfolg der Wallfahrt bei weitem überwiege."30

Andererseits ist die zunehmend negative Bewertung der Massenwallfahrten gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht auf Gräfinthal beschränkt, sondern vielmehr Ausdruck eines übergreifenden frömmigkeitsgeschichtlichen Wandels innerhalb des kirchlich-katholischen Diskurses, der (durchaus in Analogie zur protestantischen Entwicklung hin zum Piestismus) im Gegensatz zur bisherigen durch den Barock geprägten Frömmigkeit verstärkt verinnerlichte Werte ins Zentrum des Strebens rückt. Demgegenüber werden äußerlich-materielle Manifestationen des Glaubens deutlich weniger wichtig; auch die Bedeutung des Glaubens an die (bei Schaal die gesamte Darstellung dominierenden) Wunder wird unter dem entstehenden Aufklärungsparadigma geringer, so daß sich die Blieskasteler Obrigkeit, zu deren Hoheitsgebiet Gräfinthal seit 1781 amtlich gehört, vom Gräfinthaler Wallfahrtstreiben distanzieren kann. Hinzu kommen Interessen der Blieskasteler Reichsgräfin Marianne von der Leyen, das religiöse Ansehen ihrer Residenzstadt zu heben, wehalb die Umwandlung des Gräfinthaler Wilhelmitenklosters in ein Kanonikerstift mit Sitz in der Stadt ins Auge gefaßt wird.

Die Gräfinthaler Mönche schließen sich diesen Plänen unter Hinweis auf den schlechten Bauzustand ihrer bisherigen Niederlassung an und entsenden ihren Prior Norbert Dresse nach Rom, um dort die Erlaubnis zur Umwandlung zu erwirken. Im November 1785 stimmt Pius VI. den Auflösungsplänen zu31 und ordnet die Umwandlung des bisherigen Wilhelmitenklosters Gräfinthal in das Kollegiatstift St. Sebastian in Blieskastel an. Bereits Ende November erfolgte wohl der Umzug der bisherigen Mönche in Privatwohnungen sowie die Übertragung des Marienbildes in die Pfarrkirche St. Sebastian.

Um den geforderten Beitrag zur Erbauung der neuen Stifts-Gebäude sowie eines Kirchen-Neubaus leisten zu können, wurde alles zum Neubau verwertbare Material aus Gräfinthal entfernt; was sich nicht zur Wiederverwertung im Neubau gebrauchen ließ (u.a. Orgel und Hochaltar), wurde an die Meistbietenden verkauft. Das Kloster Gräfinthal, und mit ihm der Wilhelmitenorden auf deutschem Boden, hatte aufgehört zu existieren.

Nachzutragen bleibt noch, daß der 1788 begonnene Neubau einer Stiftskirche in Blieskastel durch die Auswirkungen der französischen Revolution niemals fertiggestellt wurde; das endgültige Aus des Kollegiatstifts erfolgte 1802 durch den Beschluß der französischen Regierung, alle geistlichen Körperschaften aufzuheben. Der letzte noch lebende ehemalige Gräfinthaler Wilhelmit, Joseph Jerusalem, kehrte nach der Aufhebung des Stiftes nach Gräfinthal zurück, wo er bis zu seinem Tode 1823 den Gottesdienst versah.

3. Die literarische Gattung des ›Mirakelbuches‹ und ihre Bedeutung als historische Quelle

[Zum Inhalt]

Neben den konkreten historischen Gegebenheiten, unter denen Schaals Text entsteht, ist auch die eher literarische Tradition zu beachten, in der dieser steht. Diese ist mit dem Gattungsnamen des ›Mirakelbuches‹ umrissen; es erscheint also nötig, auf diesen spezifischen literarischen Typus etwas einzugehen, bevor der Schaalsche Einzelvertreter dieser Gattung selbst adäquat verstanden werden kann.

Die literarische Gattung des Mirakelbuches, der Schaals Werk eindeutig zuzuordnen ist, läßt sich innerhalb der Chrsistentumsgeschichte bis in die Spätantike zurückverfolgen. Dabei sind jedoch zwei verschiedene Typen zu unterscheiden: Einerseits werden unter dem Terminus des ›Mirakels‹ diejenigen Erzählungen zusammengefaßt, die "das Wunderbarliche einer Heiligengestalt darstellen"32 , also prinzipiell vom noch lebenden Heiligen, "seinen Versuchungen, Kämpfen gegen den Teufel, den Visionen, Lichterscheinungen, Heilungen und Totenerweckungen"33 berichten; Gebetserhörungen nach dem Tode des Heiligen können sich anschließen, sind für diese Art aber nicht typologisch notwendig. Bei diesem Typ ist das enge Zusammengehören eines Heiligen mit den von ihm gewirkten Wundern charakteristisch: "Vita und Miracula sind selten streng getrennt"34 . Erst deutlich später (etwa zur Zeit der Renaissance) entsteht ein neuer Typus des Mirakelbuchs, das nun auch "die Gründungslegenden von Wallfahrtsorten, die Geschichten von Gnadenbildern, Heilungen und Erhörungen von Wallfahrern"35 enthält.

Mit der Erfindung und Ausbreitung des Buchdrucks und der enormen Popularisierung durch die Verwendung der deutschen Sprache können Mirakelbücher in der Frühen Neuzeit eine weite Verbreitung finden und sind somit von nicht zu unterschätzender Bedutung für die Ausprägung spezifischer Elemente der Volksfrömmigkeit. Sie stehen in enger lokaler Beziehung zu ihrem jeweiligen Entstehungsort - in der Regel ein regional besonders populärer Wallfahrtsort, somit zugleich religiöser wie sozial-integrativer Mittelpunkt sowohl in räumlicher (lokales Zentrum) wie zeitlicher Hinsicht (regelmäßige Wallfahrten verbunden mit weltlichen Elementen als den Alltag strukturierende gesellschaftliche Ereignisse) - und der dort besonders praktizierten kultischen Praxis.

"Die Blütezeit des Mirakelbuches fiel in das Jahrhundert zwischen 1650 und 1750"36 und liegt damit - was freilich kaum verwundert - etwa zeitgleich mit dem Aufblühen jener spezifischen Elemente barocker Frömmigkeit, die dann zu Inhalt und Kristallationspunkt der literarischen Gattung werden. Drei Schlagworte wären zu nennen, die zumal bei der Analyse des Schaalschen Buches wieder und immer wieder auftauchen werden: Marienverehrung, Wallfahrt und die durch die Wallfahrt erwirkten oder aber diese erst motivierenden Wunder ziehen sich leitmotivisch durch dieses Buch wie durch die meisten seiner Gattung.

Dabei gerinnt die Erzählung der Einzelereignisse - so lautet das allgemeine Gattungsurteil - vielfach zum schematisierten Formalismus, doch finden sich auch weiter ausholende Berichte, die dann häufig im klassischen Schema der belehrenden Fabel erzählt werden:

         "Todtkrancke Kinder erhalten Gesundheit.
         Wie ein schwach und gebrechliches Geschirr der Mensch sey / ist aus dem Namen selbst zu erkennen / denn das Wort Homo, Mensch / von dem Wörtlein Humus, Erd entlehnt ist welches ihn erinnert, daß gleichwie sein Stamm Hauß die Erd / also er wiederum zur Erde muß werden. Hat auch beynebens in seinem Leben nichts anderes zu hoffen als allerhand Trüb und Mühseligkeit / wie Job bekennt: cap. 14. Er wird mit vielen Mühseligkeiten überhäuffet. Anno 1621 war diesem Elend schon von seiner Geburt an unterworffen Stephan, ein Söhnlein Anna Weberin zu Rainting / unweit Sammarey / und wurde ein gantzes Jahr mit allerhand Zuständen und Kranckheiten geplagt / also daß täglich ja stündlich das End seines Lebens anschiene, in Ermanglung Menschlich=Zeitlicher Mittel griff die Mutter zu den Geistlichen / und ruffte in dieser äussersten Noth die Mutter Gottes zu Sammarey um Hülff an / das Kind mit dem Opfer hieher verlobend / und wurde bald darauf selbes mit der Gesundheit / die Mutter aber mit Freuden ergetzet. Gleiche Gnad hat allhie empfangen 1637 den 29.Aprilis Georg Freund."37

Dabei weist dieses Beispiel aus einem bayerischen Mirakelbuch bereits rein technisch eine relativ große Erzählkompetenz auf; die allermeisten Mirakelberichte (gerade auch des Schaalschen Buches) fallen demgegenüber weniger einfallsreich aus und folgen noch mehr stereotyp tradierten Schemata. Als konstitutive Elemente der Gattung werden genannt: "Nennung des Namens, [...] Herkunft des Votanten, [...] Ursache des Gelöbnisses, [...] Erhörung und [...] Dank"38 . Es wird zu untersuchen sein, inwieweit Schaal sich an diesem traditionellen Erzählschema orientiert und in welchem Maß er erzählerisch in der Lage ist, innerhalb der Gattung Einzelmomente zu variieren, um seinen Berichten zu Abwechslung und Spannungsaufbau zu verhelfen.

Überdies könnte ein Abweichen von allzu schematischen narrativen Formen unter Umständen als Indikator der Unmittelbarkeit eines Berichtes dienen: Es ließe sich vermuten, daß der Autor eines Mirakelbuches dann über die Person desjenigen, der in der Erzählung das Wunder erfährt, genauere Angaben macht, wenn er räumlich, zeitlich oder wissensmäßig diesem näher steht; umgekehrt könnte starker Formalismus und ent-individualisierende Schematik der Berichte darauf hindeuten, daß zwischen dem Votanten und dem Verfasser ein relativ großer Abstand bestand. Jedoch kann diesem Kriterium nur eine sehr relative Bedeutung zukommen, da stets die individuelle Erzählkompetenz des Mirakelbuch-Verfassers seine Texte entscheidend mitgeprägt hat, was bei der historischen Interpretation unbedingt mitzubedenken ist. Mithin muß bei der Auswertung eines einzelnen Mirakeltextes dessen Charakter als Vetreter einer literarischen Gattung bedacht werden, die seitens des Autors eine bewußte Orientierung an gattungsmäßigen Vorbildern bedingt hat, die auf die narrative Gestaltung der Einzelepisoden gewirkt haben muß.

Unter den genannten methodologischen Prämissen erweist sich die Gattung des Mirakelbuches als vorzügliche Quelle religions- und, allgemeiner, sozialgeschichtlicher Forschung: Enthalten diese doch nicht nur Angaben über spezifische Ausprägungen des Wunderglaubens oder charakteristische Formen von Gebet und Frömmigkeit, sondern auch über die hinter diesen quasi als Motivation stehende Gesundheits- und Versorgungssituation der Bevölkerung sowie relativ genaue Angaben über soziale Herkunft und gesellschaftlichen Status der jeweiligen Votanten. So können Mirakelbücher bei entsprechender methodischer Vorsicht sowohl als Materialgrundlage medizinhistorischer wie frömmigkeitsgeschichtlicher Untersuchungen dienen und eignen sich aufgrund der meist vergleichsweise großen Zahl der geschilderten Berichte wie der relativen Häufigkeit der Bücher an sich auch für quantitative sozialgeschichtliche Untersuchungen.

In der vorliegenden Arbeit sollen anhand des konkreten Beispiels des Gräfinthaler Mirakelbuches exemplarisch einige der erwähnten Ansätze versuchsweise erprobt werden; dabei kann keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit bestehen; dies verbietet sich aufgrund des beschränkten Umfangs von vorneherein.

4. Textanalyse des Gräfinthaler Mirakelbuches

[Zum Inhalt]

Bevor auf die inhaltlichen Aspekte des Werkes Friedrich Schaals etwas näher eingegangen werden kann, sind vorab einige Klärungen über die äußeren Merkmale des Textes vorzunehmen. Diese betreffen die Entstehung und Überlieferung des Buches sowie seine Gliederungsstruktur; in einem zweiten Abschnitt ist auf die Spezifika der elektronischen Textfassung einzugehen.

4.1. Hinweise zu Titel, Textgestalt, -Überlieferung und Gliederung

[Zum Inhalt]

Das von Friedrich Schaal verfaßte, sog. ›Gräfinthaler Mirakelbuch‹ ist uns in einem einzigen, beschädigten Exemplar39 überliefert. Bei diesem Exemplar handelt es sich, so viel kann man wohl ohne Zweifel sagen, um einen zeitgenössischen Druck des 17. Jahrhunderts, der nicht viel später als 1671 (Datum der Zuschrift 12. April 1671) hergestellt sein wird. Der Druck ist 21-zeilig; die Schrift ist aus zwei Typen gesetzt: Der deutsche Grundtext erscheint in barocken Frakturlettern, lateinische Textteile sind in Antiqua gehalten. Der deutsche Text ist zeittypisch mit Virgeln feingegliedert; in den lateinischen Partien fehlen diese. In der Regel ist der Text gut lesbar; allerdings ist im Bereich des 31. Exempels eine Buchseite diagonal abgerissen.

Demjenigen, der Friedrich Schaals ›Gräfinthaler Mirakelbuch‹ als historische Quelle auswerten möchte, stellen sich jedoch einige spezifische Schwierigkeiten in den Weg: Diese beginnen schon bei der Angabe des Werktitels, denn das einzig erhaltene Exemplar des Buches ist - wie gesagt - beschädigt; Titelblatt und Schlußteil fehlen ganz, so daß die Zitierung des Textes auf Konventionen angewiesen ist. In der Sekundärliteratur kursiert der Vorschlag, den ursprünglichen Titel als "Bruchstückweise Nachrichten über das Gotteshaus Gräfinthal, die Erbauung desselben, die Wunderwerke, so von Anfang an zu Ehren der Mutter Maria erzeigt worden" zu rekonstruieren; diese Bezeichnung findet sich bereits in der Literatur der Dreißiger Jahre40 und geht möglicherweise auf Carl Pöhlmann zurück. Allerdings ist dieser Rekonstruktionsversuch eher skeptisch zu bewerten, was eine Analyse der verwendeten Lexik zu belegen scheint (von dem Anachronismus der nhd. Wortformen ganz abgesehen):

Zwar ist die Wendung von den "Wunderwerke[n], so von Anfang an zu Ehren der [...] Mutter Maria erzeigt worden"41 fast wörtlich aus dem Text entnommen, dafür der übrige Titel ohne rechte Einfühlung in die Stilistik des Textes aus dessen Inhalt konstruiert: Weder finden sich (nach EDV-Auskunft) im Text Wortbildungen mit dem Element "Bruchstück", noch kommt das Wort "Nachricht" irgendwo vor; ebenso fehlt die Verwendung des rückbezüglichen "desselben". Zum Verb "aufbauen" lautet schließlich die von Schaal verwendete Substantivierung "Aufferbawung"42 - kurzum: diese Titelangabe kann mit großer philologischer Wahrscheinlichkeit zurückgewiesen werden.

Aufgrund dieses Befundes empfiehlt es sich also, weiterhin von Schaals Text unter Verwendung der neutralen Gattungsbezeichnung als dem ›Gräfinthaler Mirakelbuch‹ zu sprechen, da diese Formulierung von vornherein das Bewußtsein ausdrückt, daß es sich bei dem Terminus um eine nachträgliche Bezeichnung handelt, ohne einen falschen Authentizitäts-Anspruch zu erheben.

Weitere Probleme des Umgangs mit dem Text ergeben sich ebenfalls aus der singulären Überlieferung: Verderbte Stellen des einzigen Druckexemplars sind nicht durch Rückgriff auf andere Überlieferungsträger zu ergänzen; eine handschriftliche Vorlage ist ebenfalls nicht erhalten.

Eine rein pragmatische Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß das Originalexemplar nicht paginiert ist; lediglich in die Fotokopie, die von der Mandelbachtaler Gemeinde angefertigt wurde, sind nachträglich Seitenzahlen eingetragen worden, die meist in der jüngeren Sekundärliteratur als Zitatangabe verwendet werden. Da jedoch diese Angaben dem eigentlichen Überlieferungsträger fremd sind und zugleich mit der eigentlichen Inhaltsstruktur des Textes nicht konform gehen, erscheint diese Lösung höchst unglücklich. Statt dessen bietet der Text selbst ein hierarchisches Gliederungsschema, das - weil es sich auf den Text selbst stützt, statt auf sekundäre technische Merkmale wie die Seiteneinteilung des Druckes - diesen und seine Inhaltsstruktur adäquat abbilden kann und zudem den Vorzug hat, von der Wahl des modernen Wiedergabemediums (Internet, EDV-Ausdruck, typographische Aufbereitung im Fotosatz oder fototechnische Reproduktion des Originaldrucks) unabhängig ein einheitliches Gliederungsschema zu bieten: die von Schaal selbst vorgenommene Gliederung in "Kapitel", "Teile" und "Exempel" sowie deren Zählung.

         Als Hauptteile des Textes ergeben sich dann:
         (1.) Das einleitende Widmungsschreiben ("Zuschrifft") an Damian Hartard von der Leyen (Fotokopie S. 1-7)
         (2.) die Druckerlaubnis-Schreiben des Generalvikars Johannes Fabri (Kopie S. 8) sowie
         (3.) des Gräfinthaler Priors Johannes Le Roy (Kopie S. 9).
         (4.) Das eigentliche Textcorpus beginnt mit der Vorrede "An den Christlichen Leser" (Kopie S. 10-13), die das Anliegen des Mirakelbuches und dessen Gliederung schildert; erst jetzt kommt Schaal zu seinem
         (5.) "Erste[n] Capitel" (Kopie S. 14), das wiederum in mehrere "Teile" gegliedert ist:
         (5.1.) "Erste Theil. Von weme und was Ursache das Gottshauß erbawet seye" (Kopie S. 14-24): Die Wiedergabe der Gründungslegende des Gräfinthaler Konvents bis zur Heilung der Gräfin Elisabeth,
         (5.2.) "Der Ander Theil. Von Aufferbawung deß Gottshauses / Andacht / und Eyffer der frommen Christen" (Kopie S. 25-32): Zusammenfassung der Klostergeschichte bis in die Gegenwart Schaals.
         (5.3.) "Der dritte Thail. Erklärt viel schöne und außerlesene Mirackuln / welche Christus der HERR vielfältiger weiß hat geschehen lassen." (Kopie S. 32-36): theoretischer Exkurs über den theologisch-theoretischen Hintergrund von Wundern im allgemeinen; Aussagen zum Selbstverständis Schaals als Chronisten.
         (6.) Ohne Seitenumbruch schließt sich an diese Erörterungen "Das 2. Capitel" (Kopie S. 36) an: "Durch die Fürbitt der Heil. Mutter GOttes werden die todten Kinder zum Leben aufferweckt." An diesem Punkt hat jedoch Schaal offenbar selbst Schwierigkeiten, dies relativ diffizile Gliederungsschema zu durchschauen, denn ohne Notwendigkeit führt er hier die neue Gliederungsebene eines
         (6.1.) "Andere[n] Theil[s]" (Kopie S. 36) ein, innerhalb dessen er die folgenden
         (6.1.1.) bis (6.1.86.) 86 "Exempel" (Kopie S. 37-184) anordnet. Der Schluß des Werkes ist verloren.

Der Bruch in diesem Gliederungsentwurf bei Kap. 6.1 ist wohl nicht zu erklären; es ist jedoch davon auszugehen, daß dem Verfasser nicht sonderlich an der klaren Strukturierung seines Textes gelegen war. Trotz dieses Mangels erscheint die Orientierung an der vorgeschlagenen Text-Unterteilung besser als die Orientierung an nicht authentischen Seitenzahlen des Drucks. Innerhalb dieser Arbeit wird deshalb nach den obigen Ordnungsnummern der Kapitel zitiert; diese dienen überdies zur Strukturierung der digitalen Textfassung.

4.2. Die digitale Fassung

[Zum Inhalt]

Für die Gestaltung der elektronischen Ausgabe des Mirakelbuches waren folgende Anforderungen maßgeblich:

1. Der Text sollte sowohl im Internet öffentlich zugänglich sein als auch die Möglichkeit bieten, aus dem selben Datenbestand heraus andere Ausgabemedien anzusprechen (etwa Ausdruck auf verschiedenen Druckformaten); dabei sollte insbesondere die aus dem Buchmedium bekannte Methode der Fußnoten bzw. Apparat-Einträge zum Zweck der Kommentierung bestimmter Einzelpassagen in Internet-adäquater Weise umgesetzt werden.

2. Es sollte möglich sein, im eigentlichen Datenbestand Informationen mitführen zu können, die in der öffentlichen Version nicht enthalten sind, um etwa Anmerkungen und noch ungesicherte Informationen bereits im Text anbringen zu können, ohne diese bereits vor einer Öffentlichkeit verantworten zu müssen.

3. Schließlich sollte der Datenbestand als Objekt effizienterer Such-Funktionen und statistischer Auswertungsmöglichkeiten (besonders im Hinblick auf syntaktische bzw. lexikalische Sprachanalysen) dienen, als diese von üblichen kommerziellen Textverarbeitungsprogrammen bereitgestellt werden.

Als ideales Instrument für diese Aufgaben hat sich das vom Zentrum für Datenverarbeitung der Universität Tübingen entwickelte ›Tübinger System von Textverarbeitungsprogrammen‹ TUSTEP erwiesen. Mit seiner Hilfe wurde der Textbestand erfaßt und in einer anwendungsneutralen Weise inhaltlich-strukturell ausgezeichnet. Von verschiedenen Programmen werden diese frei definierten Text-Auszeichnungen nun je nach der spezifischen Aufgabe des jeweiligen Programmes automatisch interpretiert: Als typographisches Layout bei der Druck-Ausgabe oder als html-Codes bei der Ausgabe ins Internet; letzteres stellt das eigentliche Hauptziel dar.

Die Internet-Ausgabe des Mirakelbuches enthält den gesamten Volltext des Druckes von 1671 sowie darüberhinaus kleine Erschließungshilfen: Am Anfang wurde eine Gliederungsübersicht ergänzt, die die hierarchische Struktur des Textes skizziert und deren Einzelpunkte mit den jeweiligen Kapiteln verknüpft sind; am Ende stehen in Form von Endnoten Anmerkungen zu schwierigen Textstellen, die ebenfalls mit diesen verknüpft sind. Die beiden Schriftarten des Originales, Fraktur für die deutschen und Antiqua für die lateinischen Textteile werden, den Bedingtheiten des Mediums gemäß, mit den beiden Fonts ›Times‹ und ›Arial‹ wiedergegeben; den lateinischen Passagen sind deutsche Übersetzungen beigefügt.

4.3. Einleitende Partien - Chronistik etc.

[Zum Inhalt]

Nachdem die editorischen bzw. gliederungstechnischen Probleme zumindest angerissen sind und zu Bewußtsein gebracht wurden, soll im folgenden auch auf den Text selbst eingegangen werden, um dessen Inhalt nicht ganz über technisch-methodischen Fragen zu vergessen. Dabei müssen zuerst die einleitenden Partien in den Blick kommen, die für die Fragen des neuzeitlichen Historikers von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind, auch wenn Friedrich Schaal diesen nur etwa ein Siebtel seines Textes widmet, während die übrigen sechs Siebtel von der Wiedergabe der ihn eigentlich umtreibenden Wundererzählungen in Anspruch genommen werden.

4.3.1. Widmung und Imprimaturvermerke

[Zum Inhalt]

Der Text Schaals beginnt mit einem wahren Feuerwerk barocker Rhetorik. Der Autor wendet sich zunächst in einem Widmungsschreiben an Damian Hartard von der Leyen, den Landesherrn, um ihn - ein festes topisches Motiv - für das folgende Werk positiv einzunehmen. In seinem Streben nach rhetorischen Kunstgriffen greift Schaal in diesem Kontext zu dem Vergleich des Landesherrn mit der Sonne, die das "benandte Büchlein" "mit der Klarheit ihres Mainens" - fester Topos: Weisheit des Rezipienten - anschauen und "kräfftiglich steure[n]" (d.h. fördern, unterstützen) möge. Dabei gelingt es Schaal, aus dem Sonnen-Gleichnis ein zweites Deutungsmotiv herauszuarbeiten: Wie heller Sonnenschein am frühen Morgen einen schönen, erwartungsvollen Tag erhoffen läßt, so werde auch von der Leyen die wohltuenden Sonnenstrahlen seines Wohlwollens "anjetzo und ferner gegen mir und dem gantzen Convent erglantzen" lassen - eine offene Bitte um reale Unterstützung - und zugleich ein weiterer literarischer Topos.

Doch bei aller literarischen Formelhaftigkeit erfährt der Leser auch Konkretes: Als Motivation für die Abfassung seines Werkes nennt Schaal seinen "grosse[n] Eyffer für dieses Land[es] Heyl", das doch "durch vielfältige schädliche Empörungen / und leidige Kriegswesen" die Verehrung Gottes und Mariens vernachlässigt habe; von der Leyen, der demgegenüber stets seine "Hertz-brennende Andacht" gegenüber der Mutter Gottes behalten habe, wird von dieser Kritik natürlich ausgenommen.43

Immerhin deckt sich die kritische Beurteilung der zeitgenössischen religiösen Situation (die als solche natürlich auch wiederum ein fester Topos ist) mit der äußerst prekären Lage, die der Gräfinthaler Konvent in den letzten Jahrzehnten durchlebt hatte. War doch der derzeitige Prior Johannes Le Roy identisch mit jenem Mönch, der längere Zeit ganz allein den Konvent bildete; das Bewußtsein des Aufstiegs aus den Trümmern muß deutlich ausgeprägt gewesen sein. Umso erstaunlicher ist es, daß Schaal an dieser Stelle die Brisanz des gerade überwundenen Tiefpunktes für das eigene Kloster mit keiner Silbe erwähnt.

Die beiden lateinisch abgefassten Druckerlaubnis-Vermerke des Generalvikars Johannes Fabri sowie des Priors Johannes Le Roy enthalten über die prosopographisch interessanten Angaben über die beiden Verfasser hinaus nur wenig historisch verwertbare Information. Eher geradezu in den Bereich der Skurrilitäten ist dagegen das sprachliche Gewand einzuordnen, das Fabri seinem Schreiben gibt: Offenkundig in höchstem Maße bemüht um die Einhaltung aller Forderungen des ›hohen Stils‹ barocker lateinischer Rhetorik ist sein Schreiben zu einem in seinen sprachlichen Einzelbezügen undurchschaubaren Satzgefüge geraten, das offensichtlich die sprachliche Gestaltungsfähigkeit des Generalvikars deutlich überbeansprucht hat. Die kurze Formulierung Le Roys nimmt sich gegenüber diesem Konstrukt geradezu schlicht und bodenständig aus.

4.3.2. Vorrede "an den christlichen Leser"

[Zum Inhalt]

Die Vorrede richtet den Blick nun erstmals auf das konkret vorliegende Büchlein Schaals selbst; gegenüber dieser Direktheit treten im Vergleich zur Zuschrifft an Damian Hartard von der Leyen typologisch bedingte Topoi deutlich zurück, auch wenn der Text noch einmal vermeintlich topisch beginnt: durch all die "langen hochbetrübten Zeiten und langwierigen Kriegswesen"44 hat Gott durch seine Wunder in Gräfinthal dem Volk seine Treue bewiesen.

Da Schweigen der Patres ob so vieler Wunder seit Erbauung des Gotteshauses - so argumentiert Schaal weiter - den Verweis der Undankbarkeit nach sich ziehen müsse und andererseits die Publikation der Wunderberichte den "Gottseeligen Menschen zum Nutzen / Heyl und Wolfahrt"45 gereichen würde, haben sich die Gräfinthaler Konventualen46 entschlossen, "ein kleines Büchlein in den Truck und an Tag zugeben", das "die bißhero erzeigte und newe [Wunder] begreiffen wird". Wie ist diese Passage zu verstehen? Es kommt wohl nicht in Frage, dies so zu deuten, als solle das Mirakelbuch alle bisher geschehenen (= "erzeigten") Mirakel enthalten, sowie später um die sich weiterhin ereignenden (= "newe") erweitert werden. Statt dessen verweist diese Passage m.E. auf die (auch aus Sicht des heutigen Historikers) traurige Tatsache der mit der wechselhaften Geschichte des Konventes in Gräfinthal verbundenen Zerstörung vieler Gräfinthaler Archivmaterialien, was sich in den Worten Schaals so liest: "[...] in Verstöhrung deß Gotteshauß das erste Buch der Mirackuln verbrandt worden"47 .

Zugleich klingt bereits an dieser Stelle die Art der Quellenverarbeitung Schaals an: er stützt sich offenbar sowohl auf mündlich tradierte Information als auch auf (wenn auch zu seiner Zeit bereits verlorene) schriftliche Vorfassungen).

In der folgenden Passage expliziert Schaal die ihm vorschwebende Gliederung seines Werkes: Ein erster Hauptteil soll die Legende von "Unser Lieben Frawen Bilds in dem Eychbaum" schildern (in der digitalen Fassung Kap. 5.1), der zweite die "Aufferbawung dieses Gottshauses" (Kap. 5.2) und der dritte Abschnitt den "Wunderzeichen [...], durch welche das Gottshauß mehr namhafft und berühmbt worden" gewidmet sein (Kap. 5.3-6.1.86).

4.3.3. Die Klostergründungslegende

[Zum Inhalt]

Wie schon betont wurde, stellt das Mirakelbuch Schaals die einzige erzählende Quelle dar, die ein Bild der älteren Geschichte des Gräfinthaler Konventes zeichnet; ihm kommt also für die historische Analyse der Frühzeit des Klosters eine Schlüsselstelle zu: moderne Forschung zu diesem Thema muß sich deshalb mit dem Text auseinandersetzen, auch wenn sie ihm in ihren Resultaten - wie schon deutlich wurde - keineswegs immer wird folgen können.

Die einseitig starke Betonung des historisch-erzählenden Moments des Mirakelbuches geht jedoch offensichtlich an der Intention seines Autors deutlich vorbei, was bereits ein Blick auf dem Umfang der verschiedenen Textteile des Mirakelbuches belegt: Im Druck von 1671 belegen diejenigen Kapitel, die als Quellenreferenz der Gräfinthaler Klosterhistorie stets herangezogen werden, und auf die sich die moderne Rezeption des Buches fast ausschließlich beschränkt, ganze 18 Seiten von den erhaltenen über 180 des Fragmentes; Schaal widmet also gerade circa zehn Prozent des Gesamtumfanges seines Textes der historisierenden Schilderung der Konventsgeschichte, während er der folgenden Mirakelsammlung über 140 Seiten einräumt. Man könnte ausgehend von diesem Befund formulieren, daß der Autor der Schilderung der historischen Chronologie allenfalls als Hinführung zu seinem eigentlichen Thema, der emphatischen Darstellung des Wunderhandelns Mariens, gerade so viel Raum zubilligt, wie zur knappen Referierung der geschichtlichen Sachverhalte ihm unbedingt nötig erscheint.

Diese quantitative Argumentation läßt sich jedoch auch durch den Text selbst stützen: Dem Abschnitt "Von weme und was Ursachen das Gottshauß erbawet seye" ist eine motto-artige Widmung vorangestellt, deren Sinn sich nicht sofort erschließt: "Allen in gemein / und denen zugefallen / welche etwann die Mirackuln und Wunderwerck begehren möchten zu lesen den Anfang deß Vesper-Bilds / damit der guthertzige Leser grössern Trost und Hoffnung darauß gewönne." Die Sentenz muß wohl so paraphrasiert werden: ›allen gewidmet; doch denen besonders, die selbst nach Erlangung eines Wunders streben, damit sie vom Ursprung des Vesper-Bildes lesen ...‹ - damit sind sowohl die untergeordnete Stellung des historischen Berichts innerhalb des Gesamtwerkes als auch die spezifische Intention dieser Passagen programmatisch formuliert: Die Geschichtsdarstellung des Mirakelbuches verfolgt demnach allein den Zweck der Glaubensbefestigung seitens des Lesers, dessen positive religiöse Haltung vom Text jedoch bereits vorausgesetzt wird: der Leser muß "guthertzig" sein und selbst "die Mirackuln und Wunderwerck begehren"; nur unter dieser Voraussetzung ist es ihm möglich, den eigentlichen Nutzen aus dem Text zu ziehen, nämlich "grössern Trost und Hoffnung darauß" zu gewinnen - diese hermeneutische Vorgabe muß bei der Untersuchung der im Text folgenden folgenden Schilderung der Klostergeschichte stets mitbedacht werden.

Inhaltlich lassen sich in Schaals Darstellung der Entstehungsgschichte quasi fünf ›Akte‹ unterscheiden:

Ausgangspunkt der Schilderung bildet das fromme Einsiedlerleben jenes "Waldbruders"48 , von dem nichts weiter überliefert wird, als eben die Tatsache, daß er im Jahre 1243 als Einsiedler mit seinem Vesper-Bild in der Nähe des heutigen Gräfinthal gelebt habe. Seine Herkunft wie die der Figur49 sind ungeklärt; Schaals Text bietet weder Informationen hierzu, noch wird die offene Frage überhaupt als solche thematisiert.

Dieses Eingangsbild des frommen Einsiedlers unterbricht Schaal durch das Einschieben von zwei kurzen Exkursen, deren erster die Analogie dieses Namen- und Gesichts-losen Einsiedlers mit dem heiligen Wilhelm, der Gründerfigur des nach ihm benannten Ordens und offenkundigen Vorbildgestalt Schaals, expliziert. Der zweite Einschub greift ein biblisches Motiv auf, das dann in der spätantiken Legendenliteratur fortlebte: Die nach der Berührung des Kleides Christi geheilte Frau50 läßt sich aus Dankbarkeit ein Bild des Heilandes herstellen; bei diesem beginnt ein Kraut zu wachsen, das selbst Heilkräfte besitzt. Als der heidnische Kaiser Julian an der Stelle des Christusbildnisses sein eigenes Portrait aufstellen läßt, wird dieses von einem Blitz - dem offenkundigen Beweis von Gottes Mißbilligung - zerstört. Für Schaal hat diese Geschichte zweifache argumentative Bedeutung: Zum einen wird ein klassisches Beispiel für die Bindung von Wundertätigkeit an ein künstlerisches Abbild vor Augen geführt; zum andern ist es dem Verfasser wichtig, darauf hinzuweisen, daß "GOtt [...] offentlich zuverstehn geben [hat] / daß Er ob solchem Bild ein gnädiges Gefallen trage." - eine klare Absage an theoretisch-theologische Bedenken gegenüber der Verehrung von Bildern also.

Der zweite Hauptteil der Schaalschen Klostergründungslegende läßt sich am Auftreten eines zweiten Handlungsträgers festmachen: "etliche Bildstürmer" treten auf, die - quasi in Variation des bereits angeklungenen Erzählmotivs - das Marienbildnis des Einsiedlers mit Pfeilen beschießen, um - so sagen diese in einer lateinisch wiedergegebenen wörtlichen Rede - zu sehen, ob aus dem Bild wohl Blut fließen möge, wie seinerzeit durch die "Lanze" der "Juden" - eine offenkundige Anspielung an die Passionsgeschichte Christi. In der Tat tritt das Wunder ein, was folgerichtig die sofortige Umkehr der Missetäter zur folge hat.

Im dritten Akt taucht ein "blinder Mann" auf, der bei Schaal die Erinnerung an die neutestamentliche Gestalt jenes römischen Hauptmannes bzw. Soldaten hervorruft, der am Karfreitag mit seiner Lanze in Christi Seite stach, um seinen Tod festzustellen, bzw. die Gottheit Christi bekannte.51 Im Verlauf der Spätantike und des Mittelalters wurde dieser Figur der von Schaal genannte Name Longinus beigefügt,52 und es bildete sich die Legende über seine Heilung von einem Augenleiden durch die Berührung des Blutes Christi, ein Motiv für künstlerische Darstellung, das sich seit dem 8. Jahrhundert findet.53 Von eigentlichem Interesse ist dabei in diesem Zusammenhang die Aussage, der in Gräfinthal auftauchende Blinde habe bereits zuvor "von diesem Wunder-Bild gehört", was doch offenbar auf einen bereits vor der Klostergründung bestehenden Bekanntheitsgrad des Einsiedlers und seines Vesperbildes schließen läßt. Prompt tritt jedenfalls - so berichtet Schaal - die Heilung des Blinden ein, als dieser seine Augen mit dem aus dem verletzten Kultbild geflossenen "rothen Schweiß" in Berührung bringt.

Nun geht die Initiative an die Gräfin Elisabeth von Blieskastel über, die durch den Blinden von dessen wundersamer Heilung informiert worden war und deren eigene "blöde / krancke / verdunckelt und trieffende Augen" ebenfalls spontane Heilung erfahren.

Damit ist jetzt die Stunde des Wilhelmitenordens gekommen, dessen Ansiedlung durch Gräfin Elisabeth sowie die materielle Ausstattung des Konventes durch diese und die Herrschaft von Mengen auffallend knapp referiert wird. Der Bericht wird abgeschlossen durch die schlußfolgernde Namensetymologie des Klosters "theils von der Grävin / theils von dem Thal [...] wie auch mehr Orth ihren Nahmen von dem situ und Gelegenheit her nemen."54

Dabei fällt zunächst eine Eigentümlichkeit des Schaalschen Berichtes auf: Die chronologisch aneinander gereihten Einzelepisoden der klösterlichen Vorgeschichte werden sehr deutlich getrennt erzählt, weshalb es möglich ist, die referierten fünf ›Akte‹ klar voneinander zu unterscheiden. Charakteristisch ist in diesem Zusammenhang, daß jede der Episoden durch einen eigenen Handlungsträger geprägt ist, der sie bestimmt und zugleich in den anderen Akten nicht auftritt. So erfährt der Leser weder etwas von den weiteren Schicksalen des frommen Einsiedlers, noch der Entwicklung der durch das Wunder bekehrten Bilderstürmer. Die Blieskasteler Grafen stehen qua ihrer mehrfachen sonstigen Erwähnungen in Urkunden etc. zwar nicht ganz im geschichtlichen Dunkel, doch Schaals Text berichtet jedenfalls sehr wenig; über die Herkunft der angesiedelten Wilhelmitenmönche findet sich wiederum keinerlei Hinweis. Eine weitere Auffälligkeit, auf die in diesem Kontext kurz eingegangen werden müsste, ist die eigenartige lateinisch-deutsche Sprachmischung dieser Passagen: Der fließende Text ist durchweg deutsch abgefaßt, lediglich die wörtliche Rede der Bilderstürmer sowie einzelne reflexive Passagen im Anschluß an deren Bekehrung stehen lateinisch. Offenkundig ist jedoch gerade in der ersten Passage einiges durcheinander geraten: Die Abgrenzung lateinisch / deutsch fällt hier nicht mit dem Wechsel von Erzähler- und Figurenrede zusammen, die Textteile lassen sich keiner Redeinstanz ohne Schwierigkeiten zuweisen.

Beide Charakteristika legen es m.E. nahe anzunehmen, daß Schaal zur Abfassung seiner Kurzfassung der Klosterchronik mehrere unterscheidbare schriftliche wie mündlich tradierte Quellen benutzt und (ohne besonders ausgeprägtes erzählerisches Geschick) zu einem Text zusammengefügt hat. Der Eingangsbericht über den Gräfinthaler Einsiedler, der einerseits mit der hagiographischen Parallele zu Wilhelm von Malavalle und andererseits der durch die Berührung des Gewandes Jesu geheilten Frau eng verküpft ist, scheint dabei am ehesten von Schaal aus einem Guß konzipiert zu sein. Der Quellenverweis für die nachgetragene anti-bilderstürmerische Erzählung von der Vernichtung des Kaiserbildes durch göttliches Eingreifen scheint einerseits der Erzählung vom Einsiedler erst sekundär beigelegt, andererseits ist er in der Fassung Schaals (inbesondere im Hinblick auf die folgende Episode) integraler Textbestandteil, was die These von der einheitlichen Gestaltung der Passage unterstützt. Wahrscheinlich ist also anzunehmen, daß Schaal sich bei der Konzeption dieses Abschnittes zumindest nicht auf einen konkret vorliegenden Quelltext stützt, sondern eher auf mündlich tradiertes lokales Allgemeinwissen zurückgreift und diesem - unter Ergänzung seines eigenen Bildungsgutes - erst selbst schriftliche Fassung verleiht. Darauf scheinen auch die äußerst ungenauen Angaben über die Person des Einsiedlers, seinen späteren Verbleib und die zeitliche Einordnung der geschilderten Niederlassung hinzudeuten.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich bei der folgenden Episode: Das Bilderstürmer-Ereignis wird mit dem Anspruch hoher Historizität sowohl nach der absoluten Jahreszahl 1243 als auch nach den zur Zeit regierenden Papst Innocens IV. und Kaiser Friedrich II. datiert. An drei Stellen erfolgt der Einbau lateinischer Zitate, die (besonders im Fall der wörtlichen Rede der Angreifer) ohne besonderes Textgefühl in das Gefüge des deutschen Textes eingepresst werden. Der textliche Einschnitt zum vorher gesagten wird überdies durch die typische Formel "Also hat sich zugetragen in dem Jahr ..." verdeutlicht, die problemlos auch an einem Anfang einer größeren Erzähleinheit stehen könnte. Diese Indizien legen es m. E. nahe, für diese Passage die Verarbeitung einer älteren schriftlichen Quelle durch Schaal anzunehmen.

Ein weiterer erzählerischer Neuansatz beginnt mit den Worten "Wir lesen in dem heil.[igen] Leyden Unsers Erlösers ...", wo Schaal auf die Heilung des Blinden und infolge dessen das Handeln der Blieskasteler Gräfin Elisabeth zu sprechen kommt. Die eng zusammengehörende Passage scheint über die Kapitelgrenze hinweg bis zur Namensetymologie zu reichen; ist aber in ihrem ersten Teil wiederum an den vorhergehenden Bericht angeschlossen: der "Bogen-Schütz / da er den blutigen Schweiß herab fliessend sehen" bekehrt sich zum Glauben. Als mögliche Quellengattung dieser Passage wäre auf das klassische Schema der aitiologischen Ortslegende zu verweisen: Aus einem konkreten, als historisch betrachteten Ereignis werden gegenwärtige Zustände erklärt; die Pointe liegt in der stets am Schluß stehenden etymologischen Worterklärung. (Auf die Problematik des Ortsnamens wurde bereits eingegangen.) Dabei ist denkbar, daß Schaal für diese Partie auf eine schriftliche Quelle zurückgreifen konnte; sehr gut möglich ist aber wohl auch die Annahme der mündlichen Lokaltradition dieses Motivs.

Nach der Referierung der legendarischen Klostergründung macht Schaal einen Sprung in die unmittelbare Zeitgeschichte des 17. Jahrhunderts und setzt mit der Zerstörung des Klosters durch "die Brittannier" wieder ein. Dabei liegt der eindeutige erzählerische Akzent Schaals nicht auf der Klosterzerstörung, sondern auf dem sich nach dieser Schilderung unmittelbar anschließenden Wiederaufbau "durch freywillige Allmusen Gottseliger Leuten", wie ja auch die zahlreichen Rückschläge und Probleme des Konventes in der Zwischenzeit vom 13. bis zum 17. Jahrhundert ganz übergangen werden.

4.4. Die Mirakelsammlung

[Zum Inhalt]

Den eigentlichen Hauptakzent seines Werkchens legt Schaal ohne Zweifel auf die Sammlung der Mirakelberichte, die in seinen Augen die Wahrheit des Glaubens an die Macht Mariens und die Legitimation ihrer Verehrung überhaupt und in Gräfinthal im besonderen beweisen.

4.4.1. Theologische Begründung

[Zum Inhalt]

Derartige Aspekte einer Begründung des eigenen Wunderglaubens erörtert Schaal innerhalb einer eigenen Passage (Kap.  5.3.), die der eigentlichen Aufzählung vorangestellt wird. Der Blickwinkel wird dabei ganz auf den individuellen Nutzen gestellt, den der einzelne Gläubige wie die Gesamtkirche aus den Wundern ziehen kann: "... wozu uns die Wunderzeichen bedienlich seynd."

Es folgt als Beantwortung dieser Frage eine Auflistung von vier nahe beieinander liegenden Punkten, die sich im wesentlichen zusammenfassen lassen: Wunder dienen der Glaubensbefestigung auf seiten der Gläubigen (1. Grund) ebenso wie der Widerlegung der Ungläubigen (2. Grund), indem sie die Allmacht Gottes demonstrieren (3. Grund); schließlich machen sie "die Heiligkeit dessen / durch welches Anruffen GOtt die Wunderzeichen thut" bekannt (4. Grund).

Aus allen genannten Gründen zieht Schaal nun für sich das Ergebnis, die folgenden Mirakelberichte zu publizieren. Dabei ist die Aussage, er wolle "nicht an[...]sehen den Verlauff der Jahren und Tagen in welchen sie [die Mirakel] geschehen / weilen in Verstöhrung deß Gottshauß das erste Buch der Mirackuln verbrandt worden" beachtlich, stellt er doch den einzigen Hinweis auf Schaals Arbeitsweise beim Zusammenstellen der Mirakelberichte sowie seine quellenmäßige Vorlage dar: Die einzelnen Berichte werden aus der Erinnerung an die ehemalige, nun verlorene schriftliche Fassung aufgenommen; einzelne Neue mögen hinzugekommen sein und wurden in die Auflistung eingearbeitet - ohne "anzusehen den Verlauff der Jahren", d.h. ohne Berücksichtigung einer chronologischen Reihenfolge.

Diese These entspricht im übrigen ganz dem Befund, daß lediglich ein einziger der Erzählabschnitte mit einer Jahresangabe datiert ist55 ; die öfters auftretende Nennung eines Festtages oder einer ähnlichen Datierung innerhalb des Jahres legt die Vermutung nahe, daß die verlorene Vorgängerversion des Mirakelbuches die Wunder in den kirchlichen Jahreskreis einordnete, so daß bei Schaal die Assoziation der Einzelepisoden eher zu ihrer Stellung im Kirchenjahr als ihrer chronologischen Datierung führte. (Zu überlegen wäre, ob Schaal mit der expliziten Nennung der "Tage" im obigen Zitat bewußt auf diese Anordnung der Exempel im Jahreskreis anspielt und also aussagt, in seiner neuen Sammlung weiche er von diesem Ordnungskriterium bewußt ab?)

Ein weiterer Bericht läßt sich nachträglich absolut datieren: Das 83. Exempel berichtet von der Befreiung eines namentlich genannten56 "adeliche[n] Ritter[s]" aus "schwere[r] Gefängnuß", der gemäß "gebürliche[r] Schuldigkeit" dem Kloster größere Votivgaben überläßt, u.a. habe er, so berichtet Schaal, "sein Pferd [...] auffgeopffert". Als Quelle seiner Darstellung nennt er, jener habe "schrifftliches Zeugnuß geben" - der anzunehmende Brief o.ä. ist jedoch als verloren anzusehen. Aus dem Jahr 1487 datiert allerdings eine Gräfinthaler Verwaltungsnotiz mit dem Inhalt, Bruder Nicolaus von Mengen, offenbar ein Gräfinthaler Konventuale, habe vom Provinzial des Wilhelmitenordens Geld erhalten "vor das Pferd, das Hr. Friedrich Gentersberger unser lieben Frauen hat geben"57 - offenbar beziehen sich Mirakel und Aktennotiz auf den selben Vorfall, der sich dann (vorausgesetzt, man ist gewillt, den Tagesangaben Schaals zu folgen) sehr genau datieren läßt: Am 23. September 1486 wäre Friedrich gefangen genommen worden und etwa zweieinhalb Monate später, am 12. Dezember desselben Jahres befreit worden - fast zweihundert Jahre vor der Publikation des Mirakelbuches.

4.4.2. Der Erzählduktus der Wunderberichte

[Zum Inhalt]

Als Erzähler seiner 86 Wunderberichte zeigt Schaal - soviel wird man aussagen dürfen - keine besondere Virtuosität. Alle Berichte folgen mehr oder weniger einem starren Berichtsschema, das lediglich in begrenztem Ausmaß variert wird. Der Grundaufbau läßt sich folgendermaßen veranschaulichen:

         1. Nennung der Person, die die Hilfe Mariens erfahren hat; evtl. auch Ortsangabe, Beruf oder sonstige Hinweise zur Identifikation,
         2. Schilderung der bedrohlichen Situation / Katastrophe / Krankheit,
         3. Unwirksame Versuche menschlicher Hilfe,
         4. Gebet, Hilferuf oder Verlöbnis an Maria.
         5. Stets wird in den Exempla Rettung / Heilung bewirkt, was ebenfalls immer eine
         6. Dankbarkeitsbekundung hervorruft.
         7. Sehr häufig folgt die Angabe, die Votanten hätten sich nach Gräfinthal begeben, um hier für ihre empfangene Hilfe zu danken.

Die meisten Mirakel in Schaals Sammlung folgen sehr eng diesem Erzählschema58 , das man somit als den eigentlichen Grundtypus des Mirakelberichtes ansehen könnte. Eine Variation diese Schemas ergibt sich dadurch, daß die Nennung der Personenangaben entfällt und an ihre Stelle manchmal eine stereotype "Es hat sich begeben"-Formel treten kann.59 Die im Regelfall das einzelne Mirakel abschließende Notiz über das Erscheinen der Votanten in Gräfinthal und ihren Bericht kann schließlich auch ganz nach vorne treten und als Einleitung dienen.60 Eine aus Sicht des Historikers besonders interessante Erweiterung des Grundtyps ergibt sich durch nähere historische Angaben zum Ort des Geschehens, insbesondere zu Konfessions-Fragen.61 Gerade letztere können ja für die Datierung der Exempla von Wichtigkeit sein. Schließlich ist die Textgliederung in einzelne Mirakel für Schaal kein allzu tiefer Einschnitt, so daß er bei direkt aufeinander folgenden Berichten Überleitungen formulieren kann,62 die meist den Wunder-Charakter des Geschilderten betonen bzw. auch vergleichen: "Noch ein grössers Wunderwerck..."63 (Wohingegen er niemals auf weiter entfernte Mirakel zurück- und überhaupt nicht vorausweist.) In einem einzelnen Sonderfall64 tritt der sonst im Schlußteil verschiedenlich erwähnte Eintritt des Votanten in die in Gräfinthal bestehende Rosenkranz-Bruderschaft bereits ganz am Anfang des Mirakels auf; er bedeutet hier dann nicht Erweis von Dankbarkeit nach der Gebetserhörung sondern steht quasi als Vorausleistung des Menschen, die ihre Erfüllung dann in der Hilfeleistung durch Maria erfährt. Verschiedene der Mirakelberichte weichen jedoch in der Form stärker vom skizzierten Schema ab; bei diesen ist das ungewöhnlichere Äußere als Entsprechung zum ebenfalls von der ›Norm‹ abweichenden Inhalt zu sehen: die drei Gefangenenbefreiungen65 fordern eine individuellere Erzählweise, wobei bei Exempel 83 das Moment der schriftlichen Überlieferung des Mirakelberichts hinzukommt; ein Exempel umfaßt eigentlich zwei sachlich ähnlich gelagerte Einzelereignisse66 und zwei Berichte lassen sich aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes des Überlieferungsträgers nicht klassifizieren.67

4.4.3. Soziale und geographische Herkunft der Fürbittenden

[Zum Inhalt]

Zur regionalen Herkunft der in Schaals Mirakelbuch auftretenden Votanten läßt sich naturgemäß feststellen, daß das Gros der Personen dem näheren räumlichen Umfeld des Klosters entstammt; zahlreiche Ortschaften des unteren Bliesgaus werden eigens genannt. Insbesondere treten die zum Konvent gehörigen Pfarreien Mengen und Blieskastel/Blickweiler hervor. Die Mehrzahl der Votanten stammt dabei aus der katholischen Herrschaft Blieskastel; bei Fällen aus dem reformierten Herzogtum Zweibrücken und der Grafschaft Nassau-Saarbrücken wird die Konfessionsproblematik von Schaal eigens angesprochen. Aus dem weiteren Umkreis wären Trier und sein Umland sowie die Pfalz zu nennen. Einzelfälle - erstaunlicherweise ausschließlich Fälle wundersamer Gefangenenbefreiung - verweisen auf die Schweiz als Herkunftsgebiet der Votanten, was möglicherweise damit in Zusammenhang stehen mag, daß nach dem 30jährigen Krieg bewußt Schweizer Familien im weitgehend verwüsteten Bliestal angesiedelt wurden - eine letzte Antwort auf die weite Ausstrahlungskraft bleibt jedoch aus.

Der auch für Gräfinthal ins Auge springende starke Trend zu Nahwallfahrten - zulasten von Pilgerreisen mit weit entfernten Zielen wie Rom, Santiago oder Palästina - wird von Schaal selbst skizziert und als einer der Gründe für den Aufschwung des Klosters begriffen:
         "Fürnehmlich aber hat die Patres dahin bewegt der Leuthen grosser Zulauff / Eyffer und Andacht gegen Unser Lieben Frawen / durch Gelegenheit dieses naheliegenden Orts die übung deß Gottsdiensts zu mehren / und fortzusetzen / damit vielen Menschen / welche ihre Gewissen beschwerdt und gravirt haben / durch Versprechung eines Gelübds zu underschiedlichen an weit gelegenen Heiligen Orthen / dahin sie ohne grosse Mühe und Gefahr in Kriegs-Zeiten nicht kommen können / durch Rath ihrer Beicht-Vätter solcher Beschwernuß möchten entledigt werden / und in diesem Gottshauß ihr Gebett und Gelübd außzurichten. Damit auch das Vatterland in Westerrich an diesem gnadenreichen Orth ein Schutz und Schirm hette / wieder alle Feind / ein gemeine Zuflucht und Freyheit in aller Noth / Zustand / in Gefahr und Trübsaal."68

4.4.4. Probleme, die überirdischer Lösung bedürfen

[Zum Inhalt]

Ein wesentliches Motiv des sozialgeschichtlichen Interesses an frühneuzeitlichen Mirakelbüchern, Votivtafeln etc. liegt in der Möglichkeit begründet, aus diesen Quellengattungen Informationen zu erhalten, die in anderen Formen nicht überliefert sind. Dies betrifft nicht zuletzt Fragesetellungen der Demographie- und Medizingeschichte, deren quellenmäßige Grundlage für die Zeitspanne vor der flächendeckenden statistischen Erfassung der Bevölkerung sehr prekär ist. Mirakelberichte können hier Aufschlüsse über die epidemiologische Intensität von Seuchen, die Verbreitung sonstiger Krankheiten und Gebrechen sowie zeitgenössiche Heilverfahren (u.U. gerade auch der weit verbreiteten Volksmedizin, über die die Quellenlage noch ungünstiger ist) bieten.

Für das Gräfinthaler Mirakelbuch trifft diese Hoffnung jedoch nur bedingt zu, da man unterstellen muß, daß Schaals Text kein repräsentatives Bild der gesundheitlichen Problematik zeichnet. Zu stark treten bei ihm bestimmte Aspekte in den Vordergrund, während andere gänzlich marginalisiert werden: So ist zunächst auffallend, daß die überwiegende Zahl der Berichte von der Heilung / Rettung von Kindern berichtet. Zwar ist davon auszugehen, daß die Mortalitätsverteilung des 17. Jahrhunderts eine eindeutig hohe Kindersterblichkeit beinhaltet; neben zahlreichen Krankheiten waren Kinder wohl auch durch Unfälle (gerade dieser Aspekt taucht bei Schaal ja auch auf) stark gefährdet, doch wird man daran festhalten dürfen, daß demgegenüber Gesundheitsprobleme des Erwachsenenalters deutlich zurücktreten - eine Erklärung des Phänomens steht wohl aus.

Eine weitere Auffälligkeit besteht m.E. einfach darin, daß Schaal lediglich von einer einzigen Heilung einer Augenkranken berichtet69 - war doch die Heilung der "blöde[n] / krancke[n] / verdunckelt[en] und trieffende[n] Augen"70 der Blieskasteler Gräfin Elisabeth nach der - ja auch von Schaal wiederholten - Legende das eigentliche Motiv der Klostergründung. Ein särkeres Wiederauftauchen dieses Aspektes wäre danach eigentlich fast zu erwarten, doch erscheint es zumindest im Text Schaals nicht an prominenter Stelle - über die Rolle, die das Motiv der Heilung von Augenleiden in der Gräfinthaler Volksfrömmigkeit möglicherweise gsepielt hat, läßt sich der Sekundärliteratur gemäß der schlechten Quellenlage nichts entnehmen, doch ist man geneigt anzunehmen, daß eine starke Betonung dieses Aspektes einen Niederschlag in Schaals Text gefunden haben sollte. Warum dieses Motiv so in den Hintergrund getreten ist, wird sich wohl nicht sagen lassen.

Schließlich ist ein weiterer Eindruck festzuhalten, der sich beim Leser der Schaalschen Mirakelberichte festsetzt: Es scheint so zu sein, daß Schaal in der überwiegenden Mehrzahl nicht von Krankheiten etc. handelt, die die betroffenen Menschen ganz unvorhersehbar und ohne jede eigene Beteiligung getroffen haben; vielmehr handeln Schaals Berichte vorwiegend von der Hilfe Mariens bei solchen Kalamitäten, die in ihrer Ursache irgendwie auch auf den betroffenen Menschen selbst zurückgehen. Das ist bei allen geschilderten Unfällen zumindest implizit der Fall, bei einigen Beispielen faßt der Erzähler diese Kritik an den Votanten explizit.71 In vielen dieser Beispiele kann beim Leser somit der Eindruck entstehen, daß die Votanten sich selbst in eine Situation hineinmanövriert haben, in der sie nun auf übernatürliche Hilfe angewiesen sind - und die ihnen schließlich ja auch zuteil wird.

Auch für diese Textauffälligkeit läßt sich wohl letztlich keine wirklich überzeugende Erklärung geben; rein hypothetisch könnte man höchstens versuchen, den Grund für diese Neigung des Buches darin zu sehen, daß Schaal (unbewußt) der Problematik einer möglicherweise aufkeimenden Theodizee-Frage von vornherein aus dem Weg gehen will: Warum sollte Gott zunächst Krankheit und Elend zulassen bzw. gar aktiv ›verhängen‹, wenn er dann auf Bitten hin sofort wieder davon abläßt? Diese Frage wird wesentlich entschärft, wenn als Ursache des menschlichen Leids auch eine menschliche Verfehlung angegeben werden kann. Allerdings hätte dieser Lösungsvorschlag wiederum Schwierigkeiten, zu erklären, warum gerade Kinder - an sich doch klassische Symbole der Unschuld - in der größten Zahl der Mirakelberichte auftauchen: Fragen über Fragen.

5. Resümee

[Zum Inhalt]

So scheinen am Ende der Beschäftigung mit dem Text noch viele der mit ihm verbundenen Probleme ungelöst; manches wird sich wohl auch in Zukunft der Kenntnis entziehen, da anderes Quellenmaterial zur Verifizierung oder Falsifizierung der historischen Aussagen des Mirakelbuches fehlt. Immerhin lassen sich einige Punkte über das Werk Friedrich Schaals festhalten: Schaal verfaßt sein Werk in einem historischen Moment, als sein Kloster die tiefste Katastrophe seiner Bestehenszeit gerade überstanden hat und zu neuem Leben erwacht; dieses neue religiöse Leben wird umgekehrt durch die identitätsstiftende Wirkung des Textes sowie der mündlichen Verbreitung seiner Inhalte durch die Pfarrseelsorge leistenden Gräfinthaler Wilhelmitenmönche wiederum neue Impulse und Stärkungen erfahren haben.

Zu den von Schaal verarbeiteten Quellen läßt sich weitgehend das bestätigen, was er selbst über seine Arbeitsweise auch preisgibt: Die Stützung auf ein älteres Mirakelbuch, das jedoch verloren gegangen war und dessen Stoff von Schaal aus dem Gedächtnis wiedergegeben wird; dazu tritt die Ergänzung neuen Materials, so daß sehr junge und sehr alte Mirakelerzählungen nebeneinander zu stehen kommen. Dabei zeigt Schaal geringes historisches Bewußtsein, was sich auch an der marginalisierten Stellung der Klostergeschichts-Darstellung innerhalb des Werkes festmachen läßt. Eindeutiger Schwerpunkt des Schaalschen Textes bilden die Wunderberichte, deren positiv-bestärkende Wirkung auf den Glauben herausgestellt wird. Andererseits wird seitens des Rezipienten dieser Glaube auch vorausgesetzt, um den Rezeptionsprozeß in der vom Autor intendierten Weise zu erreichen.

Der moderne Leser, der diese Rezeptionsvoraussetzung naturgemäß nicht mitbringt wird folgerichtig Schwierigkeiten mit dem Text und seinem sperrigen Inhalt haben; es verwundert von daher kaum, daß sich die moderne Rezeption gerade auf die historischen Aussagen zu Beginn des Textes konzentriert hat, was allerdings einerseits dem Text selbst unangemessen erscheint, andererseits aber doch wiederum legitim sein muß: "habent sua fata libelli..."

6. Bibliographische Angaben

[Zum Inhalt]

6.1. Quellenmaterial

[Zum Inhalt]

Friedrich Schaal, [Bruchstückweise Nachrichten über das Gotteshaus Gräfinthal, die Erbauung desselben, die Wunderwerke, so von Anfang an zu Ehren der Mutter Maria erzeigt worden], o.O. 1671. Online abrufbar unter http://home.vr-web.de/thomhilmeyer/mirakel.htm (Original ohne Paginierung, zitiert als: 'MB' mit Gliederungsnummer der online-Edition.)

Carl Pöhlmann, Regesten des Wilhelmitenklosters Gräfinthal bis 1599 (Veröffentlichungen der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften 16), Speyer 1930.

6.2. Sekundärliteratur

[Zum Inhalt]

A. Dörrer, s.v. Mirakel, in: LThK II, Bd. 7, S. 435.

Ludwig Eid, Reichsgräfin Marianne von der Leyen. Leben, Staat, Wirken, Saarbrücken 1937.

Kaspar Elm, Beiträge zur Geschichte des Wilhelmitenordens (Münstersche Forschungen 14), Köln u. Graz 1962.

E. Eisentraut, J. Sauer, s.v. Longinus, in: LThK I, Bd. 6, S. 638.

Stefan Flesch, Die Geschichte der Wilhelmiten - oder: Wie kommt ein toskanischer Eremitenorden in den Bliesgau? In: Saarpfalz. Blätter zur Geschichte und Volkskunde, Sonderheft 1994, Homburg (Saarland) 1994.

Hans-Werner Goetz, Proseminar Geschichte: Mittelalter, Stuttgart 1993.

Hans-Walter Herrmann, Zur Problematik der Entstehungsgeschichte des Wilhelmitenpriorates Gräfinthal. In: Saarpfalz. Blätter zur Geschichte und Volkskunde, Sonderheft 1994, Homburg (Saarland) 1994, S. 29ff.

Karl Lohmeyer, Die Sagen der Saar, Saarbrücken (3. Aufl.) 1978.

Alfred Mayer, Gräfinthal, ein Wilhelmitenkloster im Bliesgau, Homburg (Saarland) 1990.

J. Michl, s.v. Longinus, in: LThK II, Bd. 6, S. 1138.

Benjamin-Mathis Ohloff, Die Votivtafeln von Sammarei als historische Quelle. Eine historiographische Untersuchung über die Bedeutung der Neuen Medien für die Geschichtswissenschaften anhand ausgeählter Beispiele, Berlin (Phil.MA.) 1998. (siehe unter Links.)

Luzian Pfleger, Die elsässische Pfarrei. Ihre Entstehung und Entwicklung (Forschungen zur Kirchengeschichte des Elsaß 3), Straßburg 1936.

J. A. Schmoll gen. Eisenwerth, Die Pietà aus dem Kloster Gräfinthal in der Kreuzkapelle auf dem Klosterberg bei Blieskastel/Saarland. Zur Datierung des hölzernen Vesperbildes ins 14. Jahrhundert. In: Saarpfalz. Blätter zur Geschichte und Volkskunde, Sonderheft 1994, Homburg (Saarland) 1994, S. 50-64.




1) das folgende ohne Einzelbelege nach: Kaspar Elm, Beiträge zur Geschichte des Wilhelmitenordens (Münstersche Forschungen 14), Köln u. Graz 1962. [Zum Text]

2) Elm, Beiträge, S. 48. [Zum Text]

3) Stefan Flesch: Die Geschichte der Wilhelmiten - oder: Wie kommt ein toskanischer Eremitenorden in den Bliesgau? In: Saarpfalz. Blätter zur Geschichte und Volkskunde, Sonderheft 1994, Homburg (Saarland) 1994, S. 8. [Zum Text]

4) cf. Gräfinthaler Mirakelbuch, Abschnitt 5.1. (Künftig abgekürzt ›MB‹ Zur Problematik der Gliederung des Textes s.S. 13.) [Zum Text]

5) abgedruckt in: Carl Pöhlmann, Regesten des Wilhelmitenklosters Gräfinthal bis 1599 (Veröffentlichungen der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften 16), Speyer 1930, S. 81-83. [Zum Text]

6) Hans-Walter Herrmann, Zur Problematik der Entstehungsgeschichte des Wilhelmitenpriorates Gräfinthal. In: Saarpfalz. Blätter zur Geschichte und Volkskunde, Sonderheft 1994, Homburg (Saarland) 1994, S. 29ff. [Zum Text]

7) cf. Karl Lohmeyer, Die Sagen der Saar, Saarbrücken (3. Aufl.) 1978, S. 340ff. u. S. 546ff. [Zum Text]

8) unter Punkt 4.3.3. wird auf dieses Motiv näher einzugehen sein. [Zum Text]

9) cf. MB Kap. 5.1; hinsichtlich der Rolle der Stifterfigur des Klosters ist aber auch die dialektologische Argumentationsmöglichkeit zu beachten, die Bezeichnung "Gräfinthal", alias fnhd. ›gräwedahl‹, könne neben dem ›Tal einer Gräfin‹ sehr wohl ebenfalls das ›Tal eines Grafen‹ bezeichnen; im Hinblick auf die mlat. Bez. "valle comitis" wäre die spez. Bedeutung des mlat. comes = ›Graf‹ (vs. comitessa = ›Gräfin‹, ungleich klass. lat. comes = ›Begleiter(in)‹) dann sogar so zu deuten, daß die Namensgebung keineswegs mehr als beweisrelevantes Indiz für die Stiftungsrolle der Elisabeth genommen werden könnte (so etwa MB Kap. 5.2); vielmehr rückt dann deren zweiter Gatte Reinald von Bitche mehr und mehr in den Vordergrund. [Zum Text]

10) i.e. Blies-Mengen; nicht zu verwechseln mit dem Wilhelmitenkloster Mengen/Donau. [Zum Text]

11) cf. Pöhlmann, Regesten, Nr. 30. [Zum Text]

12) cf. Luzian Pfleger, Die elsässische Pfarrei. Ihre Entstehung und Entwicklung (Forschungen zur Kirchengeschichte des Elsaß 3), Straßburg 1936, S. 228. [Zum Text]

13) abgedr. Pöhlmann, Regesten, S. 81ff. [Zum Text]

14) cf. Alfred Mayer, Gräfinthal, ein Wilhelmitenkloster im Bliesgau, Homburg (Saarland) 1990, S. 45. [Zum Text]

15) H. J. Becker, J. Touba, Wilhelmiten in Gräfinthal, Saargemünd 1930, S. 47. [Zum Text]

16) MB Kap. 5.2. [Zum Text]

17) kritischer etwa Becker-Touba, S. 34, die in der Bezichtigung weit entfernter ›Britannier‹ eine Vorsichtigkeit Schaals gegenüber den aufgrund ihrer lokalen Nähe ›bedrohlicheren‹ Mächten Lothringen und Frankreich sehen. [Zum Text]

18) cf. Pöhlmann, Regesten, S. 26. [Zum Text]

19) ebd. S. 27. [Zum Text]

20) als solcher approbiert er 1671 Schaals Mirakelbuch. [Zum Text]

21) cf. Becker-Touba S. 44; dort allerdings leider ohne Quellenangabe zitiert. [Zum Text]

22) MB Kap. 5.2. [Zum Text]

23) cf. Becker Touba, S.46. [Zum Text]

24) genannt werden außer den schon traditionell zu Gräfinthal gehörenden Gemeinden Blieskastel (Blickweiler) und Mengen die Dörfer Wittersheim zusammen mit Bebelsheim, Ommersheim und Ormesheim, Habkirchen mit dem heute frz. Frauenberg sowie Bliesransbach. (cf. Becker, Touba S.46). [Zum Text]

25) MB Kap. 5.2. [Zum Text]

26) MB Kap. 5.2. [Zum Text]

27) ebd. [Zum Text]

28) MB Kap. 6.1.11. [Zum Text]

29) cf. Ludwig Eid, Reichsgräfin Marianne von der Leyen. Leben, Staat, Wirken, Saarbrücken 1937; dort wird das Faktum allerdings mit sehr ›zeitbedingten‹ Interpretamenten versehen. [Zum Text]

30) Becker Touba S. 57. [Zum Text]

31) Bulle Cunctis ubique pateat vom 24. 11. 1785. [Zum Text]

32) A. Dörrer, s.v. Mirakel, in: LThK II, Bd. 7, S. 435. [Zum Text]

33) Benjamin-Mathis Ohloff, Die Votivtafeln von Sammarei als historische Quelle. Eine historiographische Untersuchung über die Bedeutung der Neuen Medien für die Geschichtswissenschaften anhand ausgeählter Beispiele, Berlin (Phil.MA.) 1998, S. 23. [Zum Text]

34) Hans-Werner Goetz, Proseminar Geschichte: Mittelalter, Stuttgart 1993, S. 107. [Zum Text]

35) A. Dörrer, a.a.O. [Zum Text]

36) Ohloff, S.24. [Zum Text]

37) Reginbert Schnel, Wolriechender Marianischer Quitten-Apffel / Das ist: Denckwürdige Gnaden-Geschichten / Welche die gecrönte Jungfrau Maria zu Sammarey der bedrangten Welt erwiesen. Regensburg 1707, zitiert nach: Ohloff, S. 25. [Zum Text]

38) Ohloff, S. 24. [Zum Text]

39) Bibliothek des Landesarchivs Speyer, Sign. C 1. [Zum Text]

40) z.B.: Becker-Touba S. 70; Pöhlmann, Regesten, S. 15. [Zum Text]

41) MB Kap. 5. [Zum Text]

42) MB Kap. 5.2. [Zum Text]

43) Freilich ist an diesem Punkt bereits das elementare Textverständnis nicht ganz leicht: (1) Und damit ich zugleich / (2) ohne weiter zu gehn / (3) den Beschluß mache / (4) so hat mich führnehmlich dar zu bewegt / (5) mein grosser Eyffer für dieses Land Heyl / (6) und Wolstand in Geistlichen Sachen / (7) weilen dasselbige durch vielfältige schädliche Empörungen / (8) und leidige Kriegswesen die Lieb und Andacht zu unserm allerhöchsten Gott und seiner lieben Mutter / (9) in einen merklichen Abgang kommen / (10) und beynebens Ihr Hochw. Gnaden / (11) ein sonderbare Hertz-brennende Andacht / (12) gegen der allezeit hochgebenedeyten Jungkfrawen MARIAE jeder-zeit getragen / (13) führnehmlich aber gegen Geistlichen und Gottes-Häusern sonderbar zugethan. Zur Analyse des Satzgefüges: 4-6: Hauptsatz, davon abhängiger Kausalsatz 7-9, diesem gleichgeordneter Kausalsatz 10-13: Da die meisten unfromm und Hartard fromm, wendet sich Schaal an diesen. (Problem: Statt des beiordnenden beynebens erwartet man eher Adversativum.) [Zum Text]

44) MB Kap. 4. [Zum Text]

45) ebd. [Zum Text]

46) "wir" also buchstäblich verstanden; "wir" im Sinne des modernen auktorialen ›pluralis maiestatis‹, also lediglich für F. Schaal stehend, ist wohl eher unwahrscheinlich, doch jedenfalls möglich. [Zum Text]

47) MB Kap. 5.3. [Zum Text]

48) MB 5.1. [Zum Text]

49) lediglich läßt sich festhalten, daß von Kunsthistorikern "keine Möglichkeit" gesehen wird, die heute vorhandene Pietà von Gräfinthal "ins 13. Jahrhundert zu datieren" (J. A. Schmoll gen. Eisenwerth, Die Pietà aus dem Kloster Gräfinthal in der Kreuzkapelle auf dem Klosterberg bei Blieskastel/Saarland. Zur Datierung des hölzernen Vesperbildes ins 14. Jahrhundert, In: Saarpfalz. Blätter zur Geschichte und Volkskunde, Sonderheft 1994, Homburg (Saarland) 1994, S. 63.) [Zum Text]

50) cf. Mt. 9,20ff., Mk. 5,25ff., Lk. 8,43ff. [Zum Text]

51) cf. Mt. 27,54, Mk. 15,39, Lk. 23,47, J. 19,34f. [Zum Text]

52) cf. J. Michl, s.v. Longinus, in: LThK II, Bd. 6, S. 1138. [Zum Text]

53) cf. E. Eisentraut, J. Sauer, s.v. Longinus, in: LThK I, Bd. 6, S. 638. [Zum Text]

54) schon MB. Kap. 5.2. [Zum Text]

55) nämlich Exempel 85: "anno 1666". [Zum Text]

56) nämlich Friderich von Britsch, ein Gentensperger Ritter (cf. MB. 6.1.84). [Zum Text]

57) Pöhlmann, Regesten, Nr. 68. [Zum Text]

58) cf. Exempla 5, 7, 12, 13, 14, 17, 20, 21, 23, 24, 26, 32, 34, 35, 37, 38, 41, 42, 43, 46, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 57, 58, 59, 60, 62, 63, 64, 67, 68, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 78, 80, 81, 84. [Zum Text]

59) cf. Exempla 15, 22, 28, 29, 61, 66, 85. [Zum Text]

60) cf. Exempla 2, 4, 6, 8, 18, 19, 30, 36, 44, 45, 56, 69, 76, 79. [Zum Text]

61) cf. Exempla 1, 11, 33, 47, 77. [Zum Text]

62) cf. Exempla 3, 16, 27, 65, 82. [Zum Text]

63) Exempel 16. [Zum Text]

64) Exempel 39. [Zum Text]

65) Exempel 9, 10, 25, 83. [Zum Text]

66) Exempel 40. [Zum Text]

67) Exempel 31 u. 86. [Zum Text]

68) MB. Kap. 5.2 [Zum Text]

69) Exempel 80. [Zum Text]

70) MB Kap. 5.3. [Zum Text]

71) z.B. Exempla 7, 15, 16, 29, 81. [Zum Text]



Zurück zur Hauptseite