Bibel - Rettungs - Aktion
Beim Durchblättern von Zeitschriften in einem Wartezimmer einer Arztpraxis stieß
ich auf ein Interview mit dem Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar
Michael Knoche.
In einer waghalsigen Aktion ist Herr Knoche in die brennende
Amalia-Bibliothek gerannt, um noch in letzter Sekunde und unter Einsatz seines
Lebens unbezahlbare Bücher den Flammen zu entreißen: eine Lutherbibel von 1534
und zwei Neue Testamente von Luther aus dem Jahr 1522. Dies macht deutlich,
welch großes, ja überwältigendes Kulturgut wir mit der Lutherbibel haben.
Damit hat Herr Knoche sicher nicht nur seiner Bibliothek einen großen Dienst
erwiesen - das Interview haben wir Ihnen hier zugänglich gemacht: "Spektakuläre
Buchrettung"
| Ob Herr Michael Knoche für diese bewundernswerte Tat von Seiten der evangelischen Kirche wohl schon eine Auszeichnung oder gar einen Orden erhalten haben mag? |
Auf der Homepage www.lutherdeutsch.de sammeln wir Wörter, die im Laufe der
Revision aus der Lutherbibel an einer bestimmten Stelle oder überhaupt
verschwunden sind und versuchen nachzuvollziehen, wie sich die Textgestalt der
Lutherbibel im Laufe der Zeit verändert hat.
Sie können sich nun in
unterschiedlicher Weise beteiligen:
Wortmeldungen
Textbearbeitung
Grundlage ist die Lutherübersetzung von 1545, die sog. Biblia Germanica. Bei
dieser "Ausgabe letzter Hand" hat Martin Luther ein Jahr vor seinem Tod noch
selbst mitgewirkt. Diese Originalausgabe (MLO) wird dann mit wichtige
Bibelrevisionen verglichen, der Jubiläumsbibel (JUB) von 1912, der
Lutherrevision von 1964 (R64) und der gegenwärtigen Fassung der Lutherbibel,
also der Revision von 1984 (R84).
Damit ist ein klar umrissener
Zeitraum von ca. 460 Jahren vom Mittelalter bis in die Gegenwart, von 1545 bis
2006 gegeben und jeweils die gleiche textliche Grundlage, nämlich die
Lutherbibel.
a. Anhand der verschiedenen Revisionen lässt sich nun
genau nachweisen und belegen, wann ein Wort oder Begriff aus der Luthersprache
verschwunden ist und wodurch er ersetzt wurde.
Schematische
Darstellung:
| MLO | JUB | R64 | R84 | |
| X | - | - | - | (1) |
| X | X | - | - | (2) |
| X | X | X | - | (3) |
| X | X | - | X | (4) |
Es geht bei "Lutherdeutsch" nicht um Sprachnostalgie, sondern um die
Anschaulichkeit, die Kraft und den theologischen Gehalt der Sprache, gegenüber
einer Tendenz der Verflachung und Nivellierung der "theologischen" Sprache im
Besonderen und der deutschen Sprache im Allgemeinen.
Die Sprache der
Lutherbibel bildet unserer Ansicht nach ein Sprachreservoir, das es zu erhalten
gilt, weil dann ggf. auch darauf zurückgegriffen bzw. daraus geschöpft werden
kann, wie das Beispiel von Herrn Dr. Schäuble zeigen will.
Sprachphilosophisch wäre zu fragen, ob wir auch im deutschen Sprachraum neben
der Spra-che als bloßem Kommunikationsmedium eine Art "liturgische",
"gottesdienstliche" oder "heilige" Sprache bräuchten?
Der methodische
Ansatz wäre dann der: Das sprachlich Fremde, Unverständliche, Überkommene nicht
einfach abzuschaffen, zu eliminieren oder zu ersetzen - also an den
zeitbedingten Sprachgebrauch anzupassen, sondern das Fremdartige und
Überlieferte versuchen aufzuschlüsseln, zu erklären und wieder verstehbar zu
machen.
Letztlich steht hinter der Sprache immer auch, ganz allgemein
gesprochen, die Frage nach dem Geist: Zeitgeist oder Heiliger Geist, das kann
durchaus die Frage sein!
Anlässlich eines Kolloquiums in Trier am 25. Januar 2005 zum 80. Geburtstag von Ernst Benda, dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes von 1971 bis 1983, mit dem Thema "Notstandsrecht und Terrorismusbekämpfung" hat Dr. Wolfgang Schäuble, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU Fraktion im deutschen Bundestag, seinen Vortrag mit folgenden Worten begonnen: "Bevor ich anhebe, über das Thema `Notstandsrecht und Terrorismusbekämpfung´ zu sprechen, möchte ich ..."
Der Ausdruck "anheben zu sprechen" ist eigentlich Lutherdeutsch: "Er hob an zu reden", heißt es an vielen Stellen in der Lutherbibel. Erst durch die Revision von 1984 ist dieser schöne Ausdruck durch "anfangen" ersetzt worden. Herr Dr. Schäuble aber hat mit diesem Beispiel wahrscheinlich ungewollt gezeigt, dass die alte Luthersprache in unserem heutigen Deutsch vielleicht doch wieder stärkere Bedeutung erlangen könnte.
Dazu möchte jedenfalls diese Homepage "Lutherdeutsch" beitragen!
Luthers Wirken beeinflusste wesentlich die Entwicklung der deutschen Sprache. Er stellte die deutsche Sprache gleichberechtigt neben die drei bis dahin als heilig erachteten Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein. Von einem Übersetzer forderte er den Aufbau eines reichen Wortschatzes, der sich auch an der gesprochenen Sprache orientieren sollte ("Sendbrief vom Dolmetschen", 1530). Er hat selbst die deutsche Hochsprache meisterhaft gehandhabt und entscheidend zu ihrer Durchsetzung beigetragen (1522 deutsche Übersetzung des Neuen Testaments, 1523/24 von Teilen des Alten Testaments, 1534 "Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft, Deudsch. D. Mart. Luth."). Luther schloss sich an bereits ausgebildete überregionale Sprachformen an, an die Sprache der sächsischen (Meißen), später auch der habsburgischen Kanzlei und an die Traditionen der mitteldeutschen, mystisch-erbaulichen Prosaliteratur. In Lautstand, Orthografie, Flexion (volle Endungen), Wortschatz und Syntax wurde außerdem gemeinsam mit den Druckern seiner Werke ein Mittelweg zwischen den bestehenden Schreibdialekten angestrebt.
Für die Wirkungsgeschichte seiner Sprache (Lutherdeutsch) war bedeutsam, dass kein Werk vorher eine so umfassende Verbreitung über das gesamte deutsche Sprachgebiet und in allen Ständen gefunden hatte. Der Reichtum von Luthers literarisch-sprachlichem Schaffen zeigt sich auch in den "Tischreden oder Colloquia Doct. Mart. Luthers ..." (1566) und besonders in seinen geistlichen Liedern (u. a. "Ein feste Burg ist unser Gott"). Dass Luther der Kunstmusik breiten Raum im Gottesdienst einräumte, prägte die Entwicklung der protestantischen Kirchenmusik.
Quellen: Brockhaus Enzyklopädie und Brockhaus in fünf Bänden
© F. A. Brockhaus 2005
![]() Bücherskulptur in Berlin-Mitte |