"Durcharbeiten und keine Pause"

Bibliothekar Michael Knoche über seine spektakuläre Buchrettung

FOCUS: Herr Knoche, als die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar in Flammen aufging, sind Sie in den brennenden Saal gerannt, um Bücher zu retten. Welches Sammlungsstück ist so wertvoll, dass Sie dafür Ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben?
Knoche: Es war eine Lutherbibel von 1534. Von ihr gibt es mehrere Exemplare, allerdings sind die Holzschnitte darin von Hand kolonert, und so ist jede ein wenig anders. Und unsere gilt seit alters als schönstes und würdigstes Exemplar. Dazu habe ich noch zwei Ausgaben des Neuen Testaments von 1522 draufgepackt.
FOCUS: Wie werden Sie damit fertig, dass trotz Ihrer Rettungsaktion Tausende Bücher vernichtet wurden?
Knoche: Das beste Rezept gegen allzu große Verzweiflung ist, durchzuarbeiten und sich keine Pause zu gönnen. Irgendwann später wird für mich ein dunkles Loch kommen, fürchte ich.
FOCUS: Einige Bibeln konnten Sie bergen, gleichzeitig ist unter anderem die komplette Schurzfleisch-Sammlung verbrannt, die wissenschaftlich nur wenig erschlossen war. Beschäftigt Sie der Gedanke, ob Sie wirklich das Richtige gerettet haben?
Knoche: Die Schurzfleisch-Bände standen ohnehin auf der zweiten Galerie, die lichterloh brannte. Dort ist keiner mehr hingekommen. Was mich quält, ist die berufliche Niederlage: Wir haben es nicht geschafft, das, was uns anvertraut war, unversehrt an die nächste Generation zu übergeben.
FOCUS: Wie soll es mit der Bibliothek nun weitergehen?
Knoche: Wir haben rund 50000 Bände verloren. Allein die Erstversorgung der 40000 beschädigten Bücher wird fünf Millionen Euro kosten, ihre Restaurierung eine weit erheblichere Summe. Das staatliche Geld wird nicht reichen. Wir hoffen auf Spenden. Immerhin ist diese Bibliothek der Besitz einer ganzen Nation.

Spendenkonto Gesellschaft der Freunde der Anna-Amalia-Bibliothek: Konto 301 040 400 bei der Sparkasse Mittelthüringen (BLZ 820 510 00)


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