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Letzte Änderung dieser Seite: 11.07.2010
Der Ausgangspunkt für den Autor: "Alpencross 2009" - letzte Etappe vom Reschensee bis nach Hause in einem Stück mit dem Mountainbike, "nur" etwa 190 km an einem Tag. Dabei hat man viel Zeit zum Nachdenken, besonders wenn nach fast 10 Stunden Fahrt das Sitzen unweigerlich Probleme bereitet. So entstand die Idee eines "bequemen" Alpencross. Das heißt: Mit einem Liegerad!
Der Umstieg von einem "Sitzrad" zu einem Liegerad ist primär eine Komfortsteigerung. Warum soll es beim Radfahren anders sein wie im übrigen Leben: Liegen ist stets bequemer wie Sitzen: Hinzu kommt die natürliche und damit gesündere Kopfhaltung.Ein Liegerad ist somit die beste "Medizin" gegen Sitz- und Nackenbeschwerden. Ein Liegerad ist wegen des geringeren Luftwiderstands Energie-effizienter. Man ist damit bei vergleichbarer körperlicher Anstrengung in der Ebene mindestens 20% schneller unterwegs als wie mit einem Tourenrad. Es ist wohl keine Frage, dass ein Liegerad (ganz gleich welche Bauform) für Single Trails absolut ungeeignet ist. Auf unbefestigten Wegen kommt ebenfalls keine echte Freude auf, so dass es kein Mountainbike ersetzen kann. Aber wer einmal vom Liegerad-Virus infiziert wurde, der verbannt wahrscheinlich seine "Straßenräder" (Touren- und Rennräder) in den Schrott-Container.
Das gewünschte Liegerad (siehe oben) sollte eine sportliche Alternative zum MTB sein, jedoch kein Ersatz. Auf Grund des geplanten Einsatzes in bergigen Gelände spielten die folgenden Auswahlkriterien eine wichtige Rolle:
Diese Forderungen werden am besten von einem Trike (Dreirad, Kart) erfüllt. Auf den Bildern dieser Seite ist das Trike KMX Viper zu sehen. Es ist sicherlich nicht das "klassische" Liegerad, aber eine richtige Spaßmaschine.
Die Daten des Trike KMX Viper:
Vorderräder: 20 Zoll, Hinterrad: 24 Zoll, 27 Gänge, 3 Scheibenbremsen mit Parkbremse, Gewicht: ca. 20 kg
Die erste Probefahrt mit einem Liegerad war ernüchternd: mit Schrittgeschwindigkeit in Schlangenlinien. Als Sitzradfahrer versucht man in alter Gewohnheit sich an den Lenkergriffen festzuhalten, dabei verreißt man jedoch ständig die Lenkrung. Sehr schnell erkennt man, dass es besser ist, wenn man die Lenkgriffe ganz entspannt in die Hände nimmt.
Auch ein gut trainierter "Sitzrad"- Fahrer wird nach den ersten Liegeradtouren einen kräftigen Muskelkater in den Oberschenkeln spüren, denn das Liegeradfahren beansprucht völlig andere Beinmuskeln.
Es fällt einem sofort die hohe Beschleunigung auf. In der Ebene zeigt der Radl Computer bereits nach ein paar wenigen Kurbelumdrehungen Tempo 30 an. Auf leichten Gefällestrecken rennt das Liegerad ohne größere Anstrengung mit Tempo 40. Siehe Video Clip. Gegenwind ist ein Fremdwort für Liegerad-Fahrer. Mit einem Liegerad kann man auf Grund des geringeren Luftwiderstandes den Schwung einer Gefällestrecke effektiver für einen nachfolgenden Anstieg ausnutzen. Für den Anstieg aus einer Mulde heraus muss man oft erst gar nicht in kleinere Gänge zurückschalten.
Weil Liegeräder im Straßenverkehr relativ selten sind, ist ein hoher "Aufmerksamkeits - Faktor" garantiert. Sie sind ohne Zweifel "ein echter Hingucker"! Passanten wundern sich: "Was kommt denn da her?"
Als Liegeradfahrer erntet man häufig freudige Kommentare und große Kinderaugen. Kinder stellen die Frage: "warum hat das keinen Lenker?"
Spaß stellt sich schon allein auf Grund der höheren Geschwindigkeiten mit dem Liegerad ein. Tagestouren von 100 km und mehr sind kein Problem. Sie stellen im Vergleich zu einem normalen Fahrrad kaum eine Strapaze dar. Leichte aber lang andauernde Anstiege kommen einem mit dem Liegerad nicht so monoton vor, man ist effektiv auch schneller als wie mit einem normalen Fahrrad.
Eine absolute Steigerung des Spaßfaktors ist es, wenn man lässig in ein Straßencafe rollt. Leider sind die Tische etwas zu hoch, um einfach im "Liegestuhl" sitzen zu bleiben. Immer muss man Auskunft geben, warum man damit fährt und ob es schwer zu steuern ist. Dann die vorsichtige Frage: "ist das jetzt in?"
Aber es gibt auch andere Situationen. Einmal tippte sich eine Frau ans Hirn. Ich vermute einmal, dass sie "etwas hinter dem Mond lebte" und deswegen glaubte, ich würde mit einem Kinderfahrzeug daher kommen.
Ja, und dann sind da noch meine Freunde von der Rennrad Fraktion. Viele von ihnen nehmen ein Liegerad erst einmal nicht ernst, doch wenn sie mich nach einigen Kilometern immer noch nicht abhängen konnten, dann macht es "viel Spaß" ihre erstaunten Gesichter zu sehen. PS: Liegeradfahrer sind bei eingeschworenen Rennradlern relativ unbeliebt, denn sie können nicht im Windschatten des Liegerads fahren ;-))
Auch wenn das Fahren mit einem Trike auf unbefestigten Wegen viel anstrengender als wie mit einem Mountainbike ist, so kann das Kurven-Driften trotzdem "viel Spaß" machen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass man die dazu notwendige Brems-Technik beherrscht.
Steile Anstiege sind nicht die Stärke eines Liegerades. Man kann sie nur durch geduldiges Kurbeln in relativ kleinen Gängen bezwingen. Das ist auf Straßen dann die Chance für die Zweiradfahrer. Sie können am Berg wieder aufholen, da sie (oft) das leichtere Gerät haben und im Wiegetritt mehr Kraft in die Pedale bringen. Man kann auch beim Liegerade mehr Kraft in die Pedale bringen, indem man sich mit dem Rücken gegen den Sitz stemmt oder mit Hilfe von Klickpedalen die Zugkraft nutzt. In beiden Fällen ist natürlich eine entsprechende Kondition notwendig.
Da ein Trike - im Gegensatz zum Zweirad - auch bei kleinster Geschwindigkeit nicht umfallen kann, lassen sich steile Anstiege mit sehr kleinen Übersetzungen hochfahren. Dabei kann es passieren, dass man von Läufern überholt wird (aber jeder Anstieg hat ein Ende ...). Mit einem Trike kann man jederzeit am Berg anhalten und genau so einfach wieder anfahren. Voraussetzung dafür ist, dass der Untergrund ausreichend griffig ist. Andernfalls wird das Antriebsrad durchdrehen und kein weiteres Vorwärtskommen mehr möglich sein. Wenn gar nichts mehr geht, dann hilft nur absteigen, das Trike an der Hinterradgabel hochzuheben und (rückwärts) hinter sich herzuziehen.
"Sitzrad" - Fahrer kämpfen während einer längeren Tour mit Schmerzen im Bereich von Gesäß, Nacken und Handgelenken. Gerade von Rennradfahrern ist bekannt, dass sie wegen der nach unten gerichteten Kopfhaltung relativ "blind durch die Gegend rasen". Der Liegeradfahrer kann dagegen auch nach 10 Stunden Fahrt noch ganz entspannt die Landschaft genießen.
Auf Grund des Liegens bekommt der Liegeradfahrer weniger kühlenden Fahrtwind ab, so dass er effektiv mehr schwitzt. Für den Rücken benötigt man unbedingt eine gut luftdurchlässige Sitzmatte. Dagegen wird der Fahrer eines Liegerades in kalten Jahreszeit weniger frieren. Unter anderem weil der Fahrtwind bei Beinen und Füßen weniger Angriffsflächen findet. Bei Regen halten sich die Vor- und Nachteile eines Liegerades die Waage. Die Füße und Beine bleiben trockner, da sie nicht - wie beim normalen Zweirad - vom eigenen Vorderrad bespritzt werden. Dafür ist der Oberkörper stärker dem Regen und dem Spritzwasser vorbei fahrender Autos ausgesetzt.
Das Trike läuft auf ebenen Untergrund auch alleine geradeaus. Zwei Finger reichen zum sicheren Lenken aus, so dass die zweite Hand für andere Dinge frei ist, wie z. B. für Essen, Trinken, Filmen, Navigieren. Also Ideal für Touren!
Direkt vom Händler ist die KMX Viper ein reines Spaßgerät. Das heißt, das Trike ist für den Alltagseinsatz (Straßenverkehr) nicht unbedingt geeignet. Für die geplante Verwendung (Bergtouren) wurde der Komfort und die Sicherheit verbessert. Mit dieser Aufrüstung verdoppelte sich der Wert des Trikes ...
1. Schritt für die Sicherheit im Straßenverkehr:
Ein extra großer Wimpel (Bild 4), eine Lichtanlage mit Power LED Scheinwerfer mit LiIon Akku vorne, hinten ein Batterie- Rücklicht und Reifen mit seitlichen Reflektorstreifen. Am linken Steuerhebel ein Rückspiegel und eine Klingel, sowie Klickpedale und entsprechende Schuhe (in der Summe etwa 250 €).
2. Schritt für den Komfort auf Touren:
Den Sitz mit einer Klima-Sitzmatte (gegen Schwitzen) und einer zusätzlich unterlegten 4 cm dicken Schaumstoffmatte polstern (gegen den Druck auf die Wirbelsäule und Vibrationen auf unbefestigten Wegen). Eine Trinkflaschen-Halterung passt unter dem Sitz. Unbedingt empfehlenswert sind Schutzbleche. Ohne diese schleudern die Vorderräder den Straßendreck gnadenlos auf die Arme und das Hinterrad befördert den Dreck direkt in den Kragen des Trike-Piloten. Für Touren sind Gepäcktaschen-Halterungen unverzichtbar. Sie werden jeweils seitlich vom Hinterrad montiert (Bild 4), so dass sie im "Windschatten" des Sitzes liegen, das Gewicht des Gepäcks verbessert nebenbei die Traktion des Antriebsrades (zusammen etwa 300 €). Die im Bild 4 neben dem linken Vorderrad sichtbare weiße Plastikdose dient als wetterfeste Box für Handy oder Kamera, so dass diese unterwegs immer sofort griffbereit sind.
3. Schritt für Bergtouren:
Austausch des Hinterrades gegen ein neues mit einer SRAM DualDrive Nabenschaltung, so dass sich mit 3 x 3 x 9 Gängen ein übersetzungsverhältnis von über 1000% ergibt (das ist fast doppelt so viel wie bei einem normalen MTB!). Das reicht, um zum Beispiel mit 80 Kurbelumdrehungen pro Minute entweder extreme Steigungen (Uphill) in Schrittgeschwindigkeit (ein Trike kann nicht geschoben werden), oder leichte Gefälle mit 50 km/h ohne wilde Strampelei (Video Clip) zu fahren. In vielen Fällen reichen jedoch bereits die 3 Gänge der Nabenschaltung aus. Sie können auch im Stand geschaltet werden um z. B. nach einem Ampelstop leichter anzufahren und los zu sprinten (etwa 400 €). Weitere Optimierungen betreffen die Reifen: für das Hinterrad ein Reifen mit MTB-Profil, der auf losem Untergrund eine etwas bessere Tracktion bietet. Auf den Vorderrädern Ballonreifen, die etwas komfartabler und leichter rollen, breitere Reifen bieten aber kaum Vortele und sind in Verbindung mit Schutzblechen eher ein Problem.
4. Schritt für die Sicherheit auf Downhills:
Austausch der vorderen mechanischen Scheibenbremsen gegen hydraulische. Sie haben die Vorteile eines viel feinfühligeren Ansprechens, der gleichmäßigeren Bremswirkung, sowie der selbständigen Nachstellung.
Eine derartige Bremsanlage gibt es zum Nachrüsten nicht fertig im Handel, so dass etwas Erfahrung und handwerkliches Geschick notwendig ist. Im Bild rechts der aus einem massiven Alu-Klotz hergestellte Bremsdruckverteiler. (Mehr dazu im Velomobil-, Liegerad- und Trike-Forum im Thread 'Zwei Shimano-Scheibenbremsen, ein Hebel', eine Beschreibung des Umbaus mit weiteren Fotos.) Nach dem Umbau können Vollbremsungen das Trike nicht mehr so leicht aus der Spur bringen, auch wenn dabei das Hinterrad abhebt. Das Problem der ungleichmäßigen Bremswirkung auf Grund unterschiedlicher Untergründe oder verschmutzter (feuchter) Bremsen bleibt jedoch. Das zuletzt genannte Problem kann mit geeigneten Bremsscheiben abgemildert werden. Diese verfügen dank langer Schlitze über einen Selbstreinigungseffekt (Sweep Clean). Die so umgebaute Bremsanlage hat allerdings auch eine deutlich agressivere Bremswirkung. Der Bremshebel muss feinfühlig bedient werden. Zwei Finger reichen dazu. Die mechanische Hinterradbremse blieb aus Redundanz-Gründen erhalten, sie ist auch als unverzichtbare Parkbremse notwendig.
Nach diesen Aufrüstungen kann man die Viper wohl als "Mountaintrike" bezeichnen. Strecken mit 20% Steigung oder Gefälle sind kein Problem mehr (so lange der Untergrund fest ist).
Eine Bewährungsprobe für die Bergfähigkeit des Trike stellte die Zweipässe-Tour in den Süd- Dolomiten 2010 dar. Von Moena (1200 m) im Fassa Tal über Pso. di Valles (2031 m) und Pso. San Pellegrino (1919 m), wobei die Auffahrt von Falcade zum Pso. San Pellegrino mit etwa 15% Steigung und vielen engen Serpentinen eine besondere Herausforderung darstellte.
Bild 1: Entspanntes Fahren mit dem Liegerad
Bild 2: Spass mit dem Liegerad
Bild 3: VIPER im "Elchtest"
Mit dem Trike sollte (!) man unbedingt ausprobieren, wie es sich auf zwei Rädern fährt (Bild 3: "Elchtest"). Diese Fahrübungen empfehlen sich gleich zu Anfang der Trike-Fahrpraxis. So lernt man das tückische Fahrverhalten in Kurven und bei Bremsmanövern am besten kennen und kann böse Überraschungen oder gar Unfälle vermeiden. Mit einem entsprechenden Training kommt sogar echter "Kurven-Fahrspaß" auf.
Bild 4: Mit dem Trike über das Timmelsjoch (2491 m) - nur mit ausreichender Fahrpraxis und nach entsprechender Aufrüstung des Trike zu empfehlen.
Der kurze Video Clip gibt ein Feeling vom Liegeradfahren. Die Geschwindigkeit betrug auf dem leichten Gefällestück etwa 50 km/h (500m in 35s), wobei sich die Trittfrequenz dank der 81 Gänge in Grenzen hält. Der Clip wurde mit einer Helmkamera aufgenommen.
(Wenn hier nichts zu sehen ist, dann fehlt dir das Flash Player Pugin.)
Es wird häufig argumentiert, dass das Liegeradfahren gefährlicher wie das normale Radfahren sei, da man leichter übersehen werden könnte. Die bisherigen Erfahrungen (nach einigen 1000 km mit dem Liegerad) bestätigen dies aber nicht. Oft ist es sogar umgekehrt. Das heißt, man wird als Liegeradfahrer viel bewußter wahrgenommen. Überholende Autofahrer machen meistens einen auffällig großen Bogen um das exotische Gefährt mit der Wimpelstange. Es fällt auf, dass man mit dem Trike in kritischen Verkehrssituationen viel seltener riskant überholt wird. LKW-Fahrer fahren oft einige hundert Meter hinterher, bevor sie mit dem Überholen beginnen. Dagegen lebt man als normaler Zweirad- Fahrer in ständiger Angst, da man ständig mit fahrlässig geringem Seitenabstand überholt wird.
Mitte Sept. 2009: der Autor ist inzwischen mit dem Trike eine erste Alpenüberquerung gefahren (Bild 4): In 5 Tagen von Oberbayern nach Südtirol und zurück. Im Durchschnitt täglich etwa 110 km und 6 Stunden Fahrzeit. Und erwartungsgemäß ohne die bei einem Zweirad fast unvermeidlichen Sitzbeschwerden! Hier der Bericht.
Winterwetter ist immer ein Problem für Radfahrer. Dies gilt auch für ein Trike. Während überraschend auftretendes Glatteis bei einem Zweirad fast unausweichlich zu einem Sturz führt, wird ein Trike dabei "nur" etwas rutschen - sofern man nicht zu schnell unterwegs war und gegen ein Hindernis schleudert. Bei Schneehöhen von mehr als 3 cm oder an Steigungen hört der Spaß des Trikefahrers gründlich auf. Die Vorderräder bremsen so stark, dass das angetriebene Hinterrad hoffnungslos durchdreht. Andernfalls kommt man nur mit viel Mühe in kleinsten Gängen vorwärts, denn jedes der 3 Räder benötigt eine eigene Spur im Schnee. Die Breite von Autospuren reicht nur für ein oder zwei Räder, so dass sich das Trike ständig quer stellt und noch mehr bremst. Das Bild zeigt einen Versuch das Trike mit Kufen auszurüsten. Der Versuch gilt aber als gescheitert, weil damit das Fahren im Tiefschnee nicht wirklich möglich war. Das als Schneekette um den Reifen gewickelte Seil verbesserte den Vortrieb nur auf festem Schnee. Das Lenken und Bremsen war eher abenteuerlich. Der Autor verwendet nach diesen Erfahrungen im Winter lieber das mit Spikesreifen ausgerüstete MTB.
Bei YouTube (Stichworte "Liegerad Trike") findet man viele Clips, die den Spaß-Faktor eines
Trike demonstrieren.
Wikipedia Liegedreirad
Liegerad-Magazin
Velomobil-, Liegerad- und Trike-Forum
Bike-a-Trike