Aufklärung und Kritik 2/2003 169

F O R U M

Dr. Helmut F. Kaplan (Salzburg)
Der Verrat des Menschen an den Tieren

Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit ei-nem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Aus-druck eines Kindes, das hart bestraft wor-den ist und nicht weiß, wofür, und auch nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll." Rosa Luxemburg über die als Zugtiere mißbrauchten und geschundenen rumäni-schen Büffel, die sie durch ihr Zellen-fenster beobachten konnte.1Verrat ist wahrscheinlich jene Beziehung, die für unser Verhältnis zu Tieren am cha-rakteristischsten ist. Sicher, auch Grau-samkeit ist ein hervorstechendes Merkmal unseres Umgangs mit Tieren. Aber Verrat als Grundhaltung geht den einzelnen Akten der Grausamkeit voraus und überdau-ert diese. Letztlich sind wohl die meisten Begegnun-gen von Menschen mit Tieren von Verrat gekennzeichnet. Das trifft nicht nur auf jene widerwärtigen Fotos zu, auf denen lachende Metzger, Bauern oder Politiker mit Tieren zu sehen sind, die sie bald um-bringen oder aufessen werden. Verrat ist auch bei scheinbar harmlosen Anlässen allgegenwärtig, etwa wenn wir zufällig mit Tieren in Berührung kommen: Sie sind zu-traulich und begegnen uns freundlich und wohlgesinnt, wir aber sind rücksichtslos, bösartig, und heimtückisch - oder haben zumindest entsprechende (Hinter-)Ge-danken. Urbild und diabolischer Höhepunkt un-seresVerrates an den Tieren ist das hin-terhältige Hinführen der Tiere zum Um-gebrachtwerden. Der von Zynismus trie-fende Text unter einem Foto, das eine Gänseschar mit ihrem "Hirten" zeigt, ver-anschaulicht mit schauerlicher Prägnanz den menschlichen Verrat an den Tieren: Die Gänse folgen Tag für Tag dem Hü-ter voll Vertrauen ins Nachtquartier. Sie werden demnächst ebenso vertrauensselig wie ahnungslos hinter ihm zur Schlachtbank marschieren. "2 Um den menschlichen Verrat an Tieren in seiner ganzen Abartigkeit und Ab-scheulichkeit aufzuzeigen, wollen wir im folgenden drei hierfür wesentliche Tatsachen herausarbeiten: 1. Tiere verhalten sich uns gegenüber freundlich und hilfreich Tiere begegnen uns, wie gesagt, in aller Regel freundlich. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen dies anders ist, etwa, wenn uns ein Löwe im Urwald, ein Hai m Ozean oder ein Krokodil im Nil an-greift. Aber das sind ausgesprochene Ausnahmen. Moralisch entscheidend und für den Menschen typisch ist, wie wir uns gegenüber jenen Tieren verhalten, mit denen wir "in der Zivilisation" zusam-menleben, die von uns abhängig sind und die uns absolut "nichts getan" haben. Tiere begegnen uns aber auch abseits menschlicher Siedlungen oft freundlich, ja sie retten uns manchmal sogar das Leben - "von sich aus", ohne sich in irgend-einem Abhängigkeitsverhältnis zu uns zu befinden. So hat etwa ein Delfin einen 14-jährigen Buben gerettet, der an der süd-italienischen Küste vor Apulien in Seenot geraten war. Der Junge, der nicht schwim-men konnte, war von einem kleinen Boot ins Meer gefallen. "Dort habe", so ein Zeitungsbericht, "sich ein Delfin dem Buben genähert, ihn mit seinem Körper an der Wasseroberfläche gehalten und mit sanften Stößen in Richtung des Bootes befördert" und ihm so das Leben geret-tet. 3 Solche tierlichen Rettungsaktionen sind erwiesenermaßen keine Einzelfälle. E. Gavin Reeve 4 berichtet von einem Mischlingshund namens Blackie, der ver-geblich versucht hatte, den vier Monate alten Säugling Ian vor dem Feuertod zu bewahren. Beide kamen in den Flammen um. Zwar hatte niemand den tapferen Ret-tungsversuch des Hundes direkt beobachtet, aber dieser hatte eindeutige Spuren hinterlassen: leichte Abdrücke seiner Zäh-ne an den Schultern des Babys, die vom Versuch, es vom Feuer wegzuziehen  zeugten. Dieses war in der Küche ausge-brochen. Während die Mutter zu ihren beiden anderen Kindern eilte, rannte Blackie in Ians Schlafzimmer. Die Mut-ter hörte einen Bums: wahrscheinlich der Aufprall des Kindes am Boden, nachdem der Hund es aus seinem Bett gezogen hat-te. Der tote Ian wurde nur wenige Zenti-meter von Blackies ausgestreckten Pfoten entfernt gefunden. Der Hund war der Familie ein Jahr zuvor zugelaufen und seit Ians Geburt meist an dessen Bett gesessen. Zahllose weitere Beispiele für selbstloses Verhalten bei Tieren finden sich bei John Robbins 5 und Joan Dunayer 6 . 2. Wir nehmen die Dienste und Hilfe der Tiere gerne und ausgiebig in An-spruch Daß wir von den Diensten, die uns Tiere 2. Wir nehmen die Dienste und Hilfe der Tiere gerne und ausgiebig in An-spruch Daß wir von den Diensten, die uns Tiere erweisen und erweisen können, gerne und ausgiebig Gebrauch machen, ist nicht zu übersehen. Denken wir nur etwa an den vielfältigen Einsatz von Hunden: Sie fahn-den nach Drogen, sie suchen nach Ver-schütteten, sie führen Blinde usw. Über-all und immerzu machen wir uns Tiere zunutze. Dabei soll hier gar nicht von je-nen Bereichen die Rede sein, in denen von vornherein augenscheinlich ist, daß wir die Tiere nicht nur nutzen, sondern schlicht ausnutzen, etwa bei der Erzeugung von Fleisch oder bei der Durchführung von Experimenten mit ihnen. Vielmehr wol-len wir unsere Neigung, Tiere für uns dienstbar zu machen, an einer im Ver-gleich zu anderen Nutzungen äußerst harmlosen Praxis demonstrieren, den so-genannten "Tiertherapien". Die therapeutische Wirkung von Tieren wird gezielt eingesetzt, etwa in Kranken-häusern, Erziehungsheimen und Gefängnissen. Worum es dabei grundsätzlich geht, erläutert das Informationspapier "'Heilkraft' der besonderen Art"7 des österreichischen Instituts für interdiszipli-näre Erforschung der Mensch-Tier-Bezie-hung: "Für die Menschen der Antike war es selbstverständlich, was neueste For-schungen nun empirisch beweisen: daß Menschen, die mit einem ... Heimtier zu-sammenleben, ausgeglichener sind, freundlicher und 'stabiler'. Daß sie Krank-heiten leichter bewältigen und Krisen besser meistern." Ein konkretes Beispiel 8 soll Wesen und Wirkung der Tiertherapie ver-anschaulichen: "Sie heißt Anna; ist Patienten im Psych-iatrischen Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe in Wien; geistig schwer behin-dert. Sie wird nie ohne stationäre Behandlung auskommen können. Der Initiative moderner Psychiater verdankt sie es, ein-mal wöchentlich 'Tierbesuch' zu bekom-men. Eine junge Wiener Tierpädagogin hat das organisiert: Sie kommt mit Hund und Hasen, Hamster und Huhn. Läßt sie von den Patienten streicheln, füttern, zeichnen. Sieht ein Lächeln auf sonst leeren Gesich-tern. Nur Anna reagiert nicht; monatelang nicht. Oder höchstens mit einem bösen Achselzucken. Ein letzter Versuch: Man zeigt ihr einen jungen Zwerghamster und ihm gelingt das kleine, große Wunder: ,Liab', sagt die Anna. Diese Anna, die von sich aus keine Silbe artikuliert, die besten-falls einzelne Worte nachsprechen kann. Dem Mini-Hamster ist gelungen, was ge-duldige Therapeuten bislang nicht schaf-fen konnten: die 'Mauer' zu durchbre-chen, die diese Kranke umgibt." Der Einsatzbereich von "Tiertherapien" oder "tiergestützten Therapien", wie die-se systematische Nutzbarmachung der hei-lenden Wirkung von Tieren auch genannt wird, ist groß - entsprechend der Grundthese dieser vergleichsweise neuen Diszi-plin: "Wesen mit Flossen, Fell oder Flü-geln können helfen, Krankheiten und Be-hinderungen von Menschen zu heilen oder zu lindern."9 Sehen wir uns stellvertretend für das breite Anwendungsspektrum von Tiertherapien drei Bereiche an: Zunächst ein Beispiel für die Behandlung von Behinderten mittels Delfinen: "Die 20 Monate alte Lea-Paulina ist mit einem Hirnschaden geboren worden und meist ganz in ihrer Innenwelt befangen. Was andere Außenreize kaum vermögen, ge-lingt Nickkis Delfinschnauze: Sie weckt für Sekunden die gesammelte Aufmerk- samkeit des Mädchens."10 (Wir verwen-den Delfine, um Minen aufzuspüren.11 ) Auch Hühner helfen Menschen, im Le-ben wieder zurechtzukommen: "Ein Huhn kann Halt geben und das Herz wärmen, wenn das Vertrauen in Menschen zerrüt-tet ist. Vernachlässigte, misshandelte und missbrauchte Jugendliche ... treffen im amerikanischen Farm-Internat 'Green Chimneys' auf Seel-Sorger mit Federn ...."12 (Wir sperren Hühner lebenslang in Drahtkäfige, deren Grundfläche pro Tier deutlich kleiner ist als eine Druckseite des "Spiegel".13 ) Besonders vielfältig ist der Einsatzbereich von Hunden (denen wir zu Versuchszwek-ken Sprengstoff verfüttern bis sie daran elend zugrundegehen 14 ). Über die Ausbil-dung zum Blindenhund erfahren wir: "Bis zu einem Jahr werden geeignete Hun-de von Spezialausbildern trainiert, Men-schen zur nächstgelegenen freien Park-bank oder ans Treppengeländer zu führen. Die Hunde lernen, mit der Schnauze an-zuzeigen, wo der Griff einer Haus- oder S-Bahn-Tür ist. Sie üben, Hindernisse in Menschenkopfhöhe zu umgehen, tief hän-gende Zweige oder aufgespannte Regen-schirme. Sie trainieren, sich von anderen Hunden nicht ablenken zu lassen, solan-ge sie das Geschirr tragen. Und sie wer-den geschult, bei Gefahr für 'ihren' Men-schen den Gehorsam zu verweigern, wenn zum Beispiel unversehens ein Auto um die Ecke biegt."15 Mindestens vier Wochen lang wird dann der Hund gemeinsam mit dem ihm anver-trauten Menschen vom Hundeausbilder betreut. Am Anfang steht ein erster kur-zer Besuch zum Kennenlernen, dann folgt die erste Übernachtung beim neuen Herr-chen. Spaziergänge beginnen in ruhigen Gegenden, dann kommen Ampeln hinzu 172 Aufklärung und Kritik 2/2003 und Treppen. Am Ende stehen die Einge-wöhnung ins neue Wohnviertel sowie die emotionale Abnabelung vom Ausbilder. Wurden früher Schäferhunde als "Prothe-sen" für Kriegsblinde ausgebildet, sind heute die als besonders sanft und gutmü-tig geltenden Labrador Retriever und Gol-den Retriever als Helfer besonders beliebt - und haben einen erweiterten Einsatzbe-reich: - "Behinderten-Begleithunde" tragen für Körperbehinderte Packtaschen, ziehen Rollstühle, holen Wäsche aus der Maschi-ne, bedienen Schalter usw. - "Hörhunde" alarmieren Taube, wenn der Wecker klingelt oder jemand an die Tür klopft. - "Epilepsie-Hunde" spüren, wann bei ih-rem Besitzer ein Anfall bevorsteht und warnen ihn rechtzeitig davor. Wie sie dies erkennen können, ist noch ungeklärt, aber es funktioniert.16 3. Wir beuten die Tiere hemmungslos aus und foltern sie rücksichtslos zu Tode 3.1 Krieg Das Titelbild des GEO-Heftes, dem vor-angehende Ausführungen entnommen sind, zeigt ein liegendes Kind mit ge-schlossenen Augen, das ein kleines, fried-lich schlafendes Schweinchen an seinen Hals drückt. Ein Bild perfekter Harmonie und Geborgenheit, das die Titelgeschichte "Tiere als Therapeuten - Wie sie Men-schen heilen helfen" veranschaulicht. Einer Ankündigung zur Sendung "ZDF-Reporter" am 5. 12. 2001 17 ist folgende Information zu entnehmen: "Bis vor we-nigen Jahren waren ganz kleine Ferkel eine Delikatesse für Gourmets. Milchferkel werden diese Tiere genannt, die direkt von der Mutter weggenommen werden und geschlachtet werden. Die Ernährung ei-nes Milchferkels darf nur - daher der Name - Muttermilch sein - darauf legt der Feinschmecker Wert ... ( ... )

Die sog. ,Babyferkel' wiegen 6, 8 oder 12 Kilo, sind 3 bis 6 Wochen alt. Ihre Lebensdau-er richtet sich nicht selten nach der Größe der Party, auf der sie ... serviert werden.
( ... )
Oft sind nur zwei oder drei Kilo Fleisch an den Tieren, wenn sie gegrillt zur Partylaune beitragen." Unter der Überschrift "Quiekender Detek-tor" 18 erfahren wir Wissenswertes über tierliche Minensucher, sogenannte "Biode-tektoren". Bewährt habe sich vor allem eine Kombination von Tier und Technik: "Feine Hundenasen spüren den Spreng-stoff einer Mine auf, Detektoren das Me-tall." So wertvolle Arbeit diese und ande-re Tiere auch leisten mögen (Ratten erwie-sen sich ebenso als effiziente "Biosenso-ren"), für sie selbst sind diese Einsätze meist eher kontraproduktiv: "Die Ge-schichte von Tieren als Minensucher ist lang, deren Karrieren in den meisten Fäl-len kurz." Minensuche ist nur ein winziger Aus-schnitt aus dem "Aufagabenbereich", den wir Menschen den Tieren im Zusammen-hang mit kriegerischem Geschehen zuge-dacht haben. Und Hunde nehmen hier zwar eine "bevorzugte" Stellung ein (be-reits die alten Griechen und die Assyrer führten Hunde in ihre Schlachten mit), sind aber bei weitem nicht die einzigen Tiere, die im Krieg mißbraucht wurden und werden. So setzten etwa die Deut-schen im ersten Weltkrieg 300.000 Pfer-de zum Transportieren von Ausrüstung und Munition ein. Unter anderem muß-ten die Tiere sechsspännig bis zu 160 Zent-ner schwere Geschütze durch halb Euro-pa karren.19 Aufklärung und Kritik 2/2003 173 Die DDR setzte Hunde an der innerdeut-schen Grenze ein, um Republikflüchtlin-ge zu "vernichten" (Militärhistoriker Ge-org Meyer). Das brachte unbezweifelbare Vorteile mit sich: Der Hund ist blind für die Motive seiner Opfer und beißt auch nicht aus Versehen daneben. Natürlich wa-ren diese tierlichen "Grenzschützer" nach ihrem Einsatz im sogenannten "Todes-streifen" nicht mehr resozialisierbar.20 Welches Schicksal ihnen bevorstand, kann man sich unschwer ausmalen. Auch Delfine kamen zum Einsatz. So wurden etwa im Vietnamkrieg Große Tümmler (Typ "Flipper") zum Schutz von US-Kriegsschiffen mit Messern ausgerü-stet, um feindlichen Tauchern die Sauer-stoffschläuche zu durchschneiden. In Se-wastopol, dem Haupthafen ihrer Schwarz-meerflotte, brachten die Sowjets Beluga-walen, Seelöwen und Tümmlern bei, ver-lorengegangene Torpedos zu suchen und Minen aufzuspüren.21 Das Verratsmoment kommt im Krieg auf besonders scheußliche Weise zum Vor-schein, da Tiere nicht nur als "Kampfge-fährten" eingesetzt, sondern auch als Test-objekte mißbraucht werden. Damit sind wir bei der sogenannten "wehrmedizini-schen Forschung", einem Tarnnamen für Tierversuche im Dienste des Krieges. So wurden etwa mehreren Berichten zu-folge von der Bundeswehr Hunde syste-matisch vergiftet und mit 5,56-mm-Kali-bern beschossen.22 Über ein aktuelles Bei-spiel für diese unglaublichen Verbrechen an Tieren berichtet die israelische Zeitung Ha´aretz am 17. 3. 2000: Ein Wohnwa-gen, in dem lebende Schweine festgebun-den sind, wird mit Scud Raketen ähnli-chen Sprengstoffen in die Luft gejagt. Ein Augenzeuge berichtet: "Als wir den Wohnwagen öffneten, muss-ten wir uns abwenden. Die Schweine la-gen da, schreiend und quiekend. Es war offensichtlich, dass die Detonation sie in-nerlich zerfetzt hatte und dass das Glas der zerborstenen Fenster ihnen von außen zahlreiche Schnittwunden zugefügt hatte. Die Wände waren voll mit dem Blut, Urin und Kot der gefesselten Schweine. Sie sa-hen uns mit weiten, flehenden Augen vol-ler Grauen an."

23 3.2 Schlachthof Tiere werden aber nicht nur in der Aus-nahmesituation Krieg rücksichtslos aus-gebeutet und zutodegeschunden, sondern auch unter "ganz normalen" Bedingungen. Dies ist doppelt tragisch, weil es einerseits die Zahl der betroffenen Tiere in unendli-che Höhen treibt und weil andererseits diese alltäglichen Praktiken den "Ausnah-me"- Massakern an Schrecken in nichts nachstehen. Christiane M. Haupt berichtet von ihrem Pflichtpraktikum, das sie als angehende Tierärztin im Schlachthof zu absolvieren hatte.24 Zunächst über ihre Erlebnisse mit Schweinen: "Von hinten stupst mich et-was in die Kniekehle, ich fahre herum und blicke in zwei wache blaue Augen. ( ... ) Ich werde diese Augen sehr bald noch anders kennenlernen: Stumm schreiend vor Angst, von Schmerzen stumpf, und dann blicklos, gebrochen, aus den Höh-len gerissen, über den blutverschmierten Boden kollernd. ( ... ) Als ich zum ersten Mal bewusst erfasse ... dass ausgeblutete, abgeflammte und zersägte Schweine noch zucken und mit dem Schwänzchen wackeln, bin ich nicht in der Lage, mich zu bewegen. ,Sie - sie zucken noch ...', sage ich ... zu einem vorübergehenden Veterinär. Der grinst: 174 Aufklärung und Kritik 2/2003 ,Verflixt, da hat einer `nen Fehler gemacht - das ist noch nicht richtig tot!'
( ... )

Von dem Schwein möchte ich erzählen, das nicht mehr laufen konnte, mit ge-grätschten Hinterbeinen dasaß. Das sie solange traten und schlugen, bis sie es in die Tötungsbox hineingeprügelt hatten. Das ich mir hinterher ansah, als es zerteilt an mir vorüberpendelte: beidseitiger Mus-kelabriss an den Unterschenkeln. Schlachtnummer 530 an jenem Tag, nie vergesse ich diese Zahl. Ich möchte von den Rinderschlachttagen erzählen, von den sanften braunen Augen, die so voller Panik sind. Von den Fluchtversuchen, von all den Schlägen und Flüchen, bis das unselige Tier endlich im eisernen Pferch zum Bolzenschuss bereit steht, mit Pan-oramablick auf die Halle, wo die Artge-nossen gehäutet und zerstückelt werden ..." Daß Christiane M. Haupt keineswegs ei-nen besonders schlechten Schlachthof zu einer besonders ungünstigen Zeit erwischt hatte, bewies im Jahre 2001 auf schauer-liche Weise ein 12-minütiges Videoband über den ganz normalen Schlachthofalltag. Es entstand nicht mittels "versteckter Ka-mera", sondern bei einem offiziell geneh-migten Drehtermin in einem EU-zertifi-zierten Schlachthof in der oberösterrei-chisch- bayrischen Grenzregion.25 Eine Schlüsselszene: "Ein mächtiger Stier, mittels Eisenkette am Hinterbein hochgezogen, hängt kopf-über am Fließband - durch den Bolzen-schuss scheinbar betäubt. Der Schlächter schneidet ihm mit einem großen Messer den Hals auf, ein Blutschwall bricht her-vor.
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Plötzlich geschieht etwas, was den Betrachter erschaudern läßt: Während der Schlächter, geschäftig vor sich hin pfeifend, die Brust aufschlitzt, öffnen und schließen sich langsam die Augen des Tie-res. Und dann beginnt der Stier zu brül-len - auf dem Video deutlich hörbar: ein schauderhaftes, heiser-gurgelndes Muhen übertönt den Lärm des Schlachtvorgangs. Schließlich bäumt sich das blutüberström-te Tier am Haken sogar noch einige Male auf. Der Schlächter, der gerade die Vor-derhufe abschneidet, muss in Deckung gehen. Der Todeskampf dauert lange Mi-nuten." 26 Diese schauerliche Szene gehört, wie ge-sagt, zum Schlachthofalltag (wobei es sich beim betreffenden Schlachthof angeblich sogar um einen "Vorzeigebetrieb" handelt, weshalb angenommen werden muß, daß es anderswo noch brutaler zugeht 27 ): Von 30 Tieren, die hier innerhalb einer Stunde mittels Bolzenschuß betäubt wurden, er-wachten 6 wieder.28 Eine Überarbeitung des Videos (das von mehreren deutschen TV-Magazinen ge-zeigt wurde 29 ), bei der bisher nicht gezeig-te Sequenzen hinzugefügt wurden, förder-te weitere schaurige Details zutage: "In der neuen Fassung ist zu sehen, dass der Stier nicht nur brüllt, während er sich im To-deskampf minutenlang windet. Als der Schlächter sich und den Schlachtraum mit einem Wasserschlauch vom vielen Blut reinigt, versucht sich das geschundene Tier mit letzter Kraft und herausgestreckter Zunge zum Wasserstrahl hinüberzubeu-gen. Die Aufnahman dokumentieren ein-deutig: Diese Tiere sind bei vollem Be-wusstsein. Sie nehmen ihre Umwelt noch wahr, während sie am Förderband aufge-schnitten und zu Fleisch verarbeitet wer-den." 30 Aktueller Anlaß - neben dem Dauerskan-dal mangelnde Kontrolle und Betäuben im Akkord (!) - für die unzureichende Bol-zenschußbetäubung sind BSE-bedingte Aufklärung und Kritik 2/2003 175 Veränderungen in den Schlachtmethoden: Seit Jahresbeginn 2001 ist in der EU der Einsatz des sogenannten "Rückenmark-zerstörers" verboten, weil damit potenti-ell infiziertes Nervengewebe über den gan-zen Tierkörper verteilt werden könnte.
Dieser Stab wurde durch das Einschußloch ins Rückenmark eingeführt, wodurch der Hirntod irreversibel wurde und das Tier garantiert keinen Schmerz mehr spür-te. Mit dem Verzicht auf den Rückenmark-zerstörer seien, so Ingrid Schütt-Abraham vom deutschen Bundesinstitut für gesund-heitlichen Verbraucherschutz und Veteri-närmedizin, "unzureichende Ergebnisse programmiert" gewesen. Andererseits habe dieser Verzicht, wie Veterinär Karl Wenzel vom Münchner Verbraucher-ministerium feststellt, ans Licht gebracht, daß Fehlbetäubungen vorkommen bzw. bei manchen Tieren die bisherige Bolzen-schußbetäubung schlicht nicht ausreicht. Dazu Klaus Troeger von der deutschen Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach: Vor dem EU-Erlaß vom Jänner 2001, also vor dem Verbot des Rücken-markzerstörers, wurden "Probleme durch nicht korrekt platzierte Bolzenschüsse ver-deckt".

31 3.3 Verrat
Was Verratenwerden bedeutet, haben ei-nige von uns schon an eigener Seele schmerzlich erfahren müssen. Mitunter dauert es Jahre, bis man sich vom lähmen-den Entsetzen über unfaßbare Untreue wieder erholt. Nicht selten hält der Schock ein Leben lang an. Doch welch Kleinigkeiten sind dies im Vergleich zum Verrat an Tieren! Auch zu ihnen, die jetzt im Schlachthof sind, wa-ren Menschen vielleicht einmal gut. Bio- bauern etwa werden ja nicht müde zu be-teuern, welch gutes Verhältnis sie zu ih-ren Tieren haben. Die Bilder von Bauern, die ihre Tiere "liebevoll" streicheln, ken-nen wir auch alle. Und dann finden sich diese Tiere auf einmal in der Hölle wie-der, umgeben von Menschen, die ihnen die ungeheuerlichsten und grauenhaftesten Dinge antun. Die Tierarztpraktikantin Christane M. Haupt hat den Verrat an Tieren stellver-tretend für die Fleischesser durchlebt - und ist daran zerbrochen: "Ich habe Zeugnis abgelegt, und jetzt will ich versuchen zu vergessen, um weiterleben zu können. Kämpfen mögen nun andere; mir haben sie in jenem Haus die Kraft dazu genom-men ... und sie gegen Schuld und lähmende Traurigkeit ausgetauscht."

32 Daß die bisher beschriebenen Greuel le-diglich die Spitze des Eisbergs der welt-weit täglich in Schlachthäusern "zivilisier-ter" Länder verübten Verbrechen darstel-len, zeigt Gail A. Eisnitz' Buch "Slaugh-terhouse", für das die Autorin Schlacht-hausarbeiter mit einer Erfahrung von ins-gesamt zwei Millionen Stunden an der Betäubungsbox befragt hat. Die folgen-den Auszüge aus Interviews mit Schlacht-hausarbeitern wurden auf einer Buch-präsentation der Autorin am 18. Septem-ber 1999 der Öffentlichkeit vorgestellt:33 "Ich habe lebendiges Rindfleisch gesehen. Ich habe sie muhen gehört, wenn die Leute das Messer anlegen und versuchen, die Haut abzunehmen. Ich denke, dass es grausam für das Tier ist, so langsam zu sterben, während jeder seine verschiede-nen Jobs an ihm macht." "Die Mehrzahl von Kühen, die sie auf-hängen ..., ist noch am Leben. Sie öffnen sie. Sie häuten sie. Sie sind immer noch am Leben. Ihre Füße sind abgeschnitten. 176 Aufklärung und Kritik 2/2003 Sie haben ihre Augen weit aufgerissen und sie weinen. Sie schreien, und du kannst sehen, wie ihnen die Augen fast raus-springen." "Ein Arbeiter hat mir erzählt, wie eine Kuh, die mit ihrem Bein in dem Boden eines Lasters steckengeblieben ist, zusam-mengebrochen ist. 'Wie hast du sie leben-dig rausgekriegt?' habe ich den Typ ge-fragt: 'Oh', sagte er, 'wir sind einfach un-ter den Laster gegangen und haben ihr Bein abgeschnitten.' Wenn jemand dir das sagt, weißt du, es gibt viele Dinge, die dir niemand sagt." "Ein anderes Mal war ein lebendes Schwein, das hatte nichts Verkehrtes ge-macht, rannte noch nicht mal rum. Ich nahm ein 1 Meter langes Stück Rohr und ich schlug das Schwein praktisch zu Tode." "Wenn du ein Schwein hast, das sich wei-gert, sich zu bewegen, nimmst du einen Fleischhaken und hakst ihn in seinen Anus.

( ... )
Dann ziehst du ihn zurück. Du ziehst diese Schweine während sie le-ben und oft reißt der Haken aus dem Arschloch." "Einmal nahm ich mein Messer - es ist scharf genug - und ich schnitt das Ende von einem Schwein seiner Nase ab, so wie ein Stück Frühstücksfleisch. Das Schwein ist für ein paar Sekunden verrückt gewor-den. Dann saß es einfach da und sah ein-fach dumm aus. Also nahm ich eine Hand-voll Salzlake und rieb es ihm in die Nase. Jetzt ist das Schwein wirklich ausgeflippt und schob seine Nase überall in der Ge-gend rum. Ich hatte immer noch etwas Salz übrig auf meiner Hand und steckte das Salz direkt rein in den Arsch des Schweins. Das arme Schwein wusste jetzt nicht mehr, ob es scheißen oder blind werden sollte." "Nach einer Zeit wirst du abgestumpft. ( ... ) Wenn du ein lebendiges Schwein hast ..., tötest du es nicht einfach. Du willst, dass es Schmerzen hat. Du gehst hart ran, zerstörst ihm die Luftröhre, machst, dass es in seinem eigenen Blut ertrinkt.

( ... )
Ein lebendes Schwein guck-te an mir hoch und ich nahm einfach mein Messer und - eerk - nahm ihm das Aug raus, während es einfach da saß. Und die-ses Schwein schrie einfach nur." Anmerkungen 1 Zitiert nach: Godofredo Stutzin: Auf des Con-dors Flügeln. Santiago, Chile, 2000?, ISBN 956- 7033-10-2, S. 99. 2 Die Gans im Glück kennt den Kalender nicht, Salzburger Nachrichten, 6. 11. 1998, S. 8. 3 Ein Delfin rettete 14-jährigen Italiener, Salzbur-ger Nachrichten, 30. 8. 2000, S. 8. 4 Speciesism and Equality, Philosophy, 53, 1978, S. 562. 5 Diet for a New America. Walpole: Stillpoint Publishing, 1987, S. 20 ff.) 6 The Nature of Altruism, Animals´Agenda, April 1990, S. 27 ff. 7 Wien, 1989, S. 2. 8 Ebenda, S. 1. 9 Tiere als Therapeuten, GEO, 3, 2001, S. 96. 10 Ebenda, S. 98. 11 Leo, Luchs und andere Rekruten, ZIVIL (Zeit-schrift für Frieden und Gewaltfreiheit), 3, 2000, S. 21. 12 Tiere als Therapeuten, GEO, 3, 2001, Seite nicht eruierbar. (Mir liegt der Artikel nur in ei-ner kopierten Fassung vor, H. F. K.) 13 Möbel im Drahtverhau, Der Spiegel, 32, 2000, S. 200. 14 Peter Singer: Animal Liberation - Die Befrei-ung der Tiere. Reinbek: Rowohlt, 1996, S. 69. 15 Tiere als Therapeuten, GEO, 3, 2001, Seite nicht eruierbar.
(Mir liegt der Artikel nur in ei-ner kopierten Fassung vor, H. F. K.) 16 Ebenda. 17 E-Mail-Information der "TR-Nachrichten-Austria", die sich ihrerseits auf eine Ankündi-gung des "Vereins gegen Tierfabriken" vom 4. 12. 2001 bezieht. (Rechtschreibung und Zeichen- Aufklärung und Kritik 2/2003 177 setzung des Originaltextes wurden korrigiert und vereinheitlicht, H. F. K.) 18 Die Zeit, 36, 2001, S. 25. 19 Leo, Luchs und andere Rekruten, ZIVIL (Zeit-schrift für Frieden und Gewaltfreiheit), 3, 2000, S. 20. 20 Ebenda. 21 Ebenda, S. 21. 22 Ebenda.

23 Aus einer Information der "Menschen für Tier-rechte - Tierversuchsgegner Baden-Württem-berg e. V." vom 19. 9. 2000.

24 Christiane M. Haupt: "Um eines kleinen Bis-sens Fleisches willen ...". Gekürzter Erlebnis-bericht. Ungekürzt erschienen in: Vegi-Info, 1998, 2, S. I ff., der Schweizerischen Vereini-gung für Vegetarismus. Als Sonderdruck erhält-lich im Vegi-Büro, CH-9466 Sennwald. Für Bild-material siehe im Internet: www.vegetarismus.ch 25 Todeskampf am Fließband, News, 19, 2001, S. 68. 26 Ebenda.

27 Weltweite Schlachthäuser-Kampagne, E-Mail von Dr. [Friedrich] Landa, Präsident des Dach-verbandes der Oberösterreichischen Tierschutz-organisationen, vom 29. 5. 2001. 28 "Der Verlierer ist die Kreatur", Der Spiegel, 42, 2001, 290.

29 Ebenda. 30 Schlacht-Video mit neuen Details, E-Mail von Dr. Friedrich Landa, Präsident des Dachverban-des der Oberösterreichischen Tierschutzorgani-sationen, vom 25. 6. 2001. 31 "Der Verlierer ist die Kreatur", Der Spiegel, 42, 2001, S. 290, 292. 32 Christiane M. Haupt: "Um eines kleinen Bis-sens Fleisches willen ...". Vergleiche Anmerkung 24. 33 SCHLACHTEN: Und sie leben immer noch ..., E-Mail von Dr. Friedrich Landa, Präsident des Dachverbandes der Oberösterreichischen Tierschutzorganisationen, vom 6. 8. 2001. (Rechtschreibung und Zeichensetzung des Ori-ginaltextes wurden korrigiert und vereinheitlicht, H. F. K.) Helmut F. Kaplan, Philosoph und Autor, zählt zu den Pionieren der Tierrechts-bewegung und ist Berater und Sprecher für ethische Grundfragen bei "Arche 2000 e.V".


Zahlreiche Bücher zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung. Unter ande-rem das Standardwerk "Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung" sowie "Tierrechte - Die Philosophie einer Befreiungsbewegung". Jüngste Buchveröffentlichung: "Die Ethische Weltformel". Internet: www.tierrechte-kaplan.org Frank Schulze (Nürnberg) Über Wesen, Glück und Tod des Menschen 1. Zum Gegenstandsbereich.
Der vorliegende Text entspricht im we-sentlichen dem Manuskript eines Vortra-ges für die Gesellschaft für kritische Phi-losophie, der seinerseits eine kleine Vor-tragsreihe für die Nürnberger Volkshoch-schule zusammenfaßte. Der Titel lautet "Über Wesen, Glück und Tod des Men-schen", weil er ohne das "Über" leicht ei-nen falschen Eindruck hätte vermitteln können. Hieße es einfach "Wesen, Glück und Tod des Menschen", wäre damit die Erwartung zumindest ermöglicht, Wesen, Glück und Tod des Menschen könnten jeweils umfassend, sozusagen vollständig behandelt oder gar erklärt werden.

Das Problem dabei ist nur, daß ich das "We-sen des Menschen" nicht "kenne". Und bei Glück und Tod sieht es damit eher noch schlechter aus. Aber ich denke, gerade weil das so ist, weil Wesen, Glück und Tod des Menschen gleichzeitig so unmittelbar und ausnahmslos jeden von uns angehen, aber andererseits so unfaßbar, kaum zu begreifen, bestenfalls zu "handlen" sind, um es neudeutsch zu sagen - gerade deswegen stoßen diese Themen wohl auf so großes Interesse, wie es den Vorträgen dazu entgegengebracht wurde.