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Nominalismus: VENUS
- nenne die Dinge beim Namen. Begreife, die zuteil wird oder
ewige Suche - "Die einen wollen begreifen was sie
glauben, andere das glauben was sie begreifen" (Volksmund:
<Das
"Kind" braucht einen Namen>)
Das Abstraktionsniveau
ist begrenzt; das aber ist die Spielwiese auf der sich vermeintliche
'Intellektuelle' und 'Wissen-Schaffer' aller Fakultäten austoben
können. Der 'Raum unbegrenzter Spekulationen'
und der zu Wahnvorstellungen führt - der Macher Mensch. Signal
(Empfehlung)- halte dich an das was du verstehen kannst und
lass dir nicht aufschwätzen, daß du nicht genügend Begreife
hast. Wissenschaft(ler,) verschaff(t)en sich Wissen durch Experimentieren,
das 'empirisch' (Häufung erwarterter Ergebnisse) zu
einer Annahme verleitet - Erkennen von Zusammenhängen,
die praktisch umsetzbar sind - funktionieren. Bestimmte
Entwicklungen ( Fortschritt) verstehend, aber letztlich
nur (real) begrenzt, (vorstellungsmäßig suggerierend (erkenntnistheoretisch)
alles ist möglich, weil manches (vermeintlich immer mehr)
praktisch umgesetzt werden kann - z. B. von der Mechanik
zurTechnik. Machertum - "menschliche Selbstüberschätzung"
- Einbahnstrasse bis es in der Sackgasse endet. Wer
nun aber den Irrweg erkennt, kommt nicht mehr heraus, weil Gefolgschaft
- Stau im Rücken - Wenden unmöglich macht. Letztlich sitzen
alle fest.
die Erkenntnis, daß Worte bzw. Begriffe keine
eigene Realität aufweisen, sondern nur menschengemachte Lautfolgen sind,
welche mit – wirklichen oder gedachten – Dingen oder
Zusammenhängen willkürlich (= konventionell) zum Zwecke der
Verständigung in Verbindung gebracht werden (»verba sunt
nomina« – lat. für »Worte sind Namen [bzw. Benennungen]« war das
Schlagwort der dazugehörigen Denkrichtung des 12. Jh.s, welches
vorzugsweise von Klerikern getragen wurde, deren internationales
Verständigungsmittel bekanntlich Latein war. Sie dachten bei diesem Satz
als Muster gewiß an die Sage von Adam, der den Tieren Namen gab [Gen.
2,19sq.] – also willkürlich feste
Verbindungen zwischen den Tierarten und von ihm erschaffenen Lautfolgen
festlegte). Die entgegenlautende Parole war »verba sunt res« (lat.
»Worte [bzw. Begriffe] sind Dinge«, d.h. existieren wirklich), weswegen
die dem ~ entgegengesetzte Denkweise Realismus
genannt wird (bisweilen, um sie von der gleichnamigen sehr viel späteren
Kunstrichtung oder einigen vulgarisierten Bedeutungsableitungen zu
unterscheiden, auch als »Begriffsrealismus«
bezeichnet). Nach Einsicht des
Nominalismus läßt der Gebrauch (die einzige Existenz, die ein Wort haben
kann) also nur den Schluß zu, daß irgendwelche Menschen das Bedürfnis
empfanden oder empfinden, sich über irgendeine Vorstellung zu
verständigen; ob diese Vorstellung durch Wahrnehmung, Fehlwahrnehmung oder
Phantasie (MOND (Vorstellung) MERKUR (die 5
Sinne)) zustandegekommen ist, läßt sich aus dem Gebrauch bzw. der
Existenz des Wortes nicht ableiten. Wissenschaftliches Denken, das nicht
»zwiedenk« i.S. von Orwell werden will,
kann nur auf der Grundlage des ~ entstehen bzw. funktionieren;
seine Wiederentstehung in Westeuropa etwa zwei Jh.e nach dem Aufkommen des
~ ist also durch diesen entscheidend vorbereitet worden. Es ist
sicher kein Zufall, daß der ~, dessen gedankliches Niveau das beste
der Antike wieder erreicht, genau dann aufkam, als erstmals die
Zivilisationshöhe Westeuropas nach ca. 800jähriger Unterbrechung wieder
der klassisch antiken gleichkam (und von da an kontinuierlich anstieg).
Auch die Aufklärung bzw.
jedes auch nur einigermaßen aufgeklärte Denken setzt die Einsicht des
~ voraus, gleichgültig, ob dieser namentlich bekannt ist oder nicht
(so wie das Sprechen in metrisch nicht gebundenen Sätzen nicht die
Kenntnis des Wortes »Prosa«
voraussetzt). Es ist naheliegend,
daß die Erkenntnis des Nominalismus rasch zur Religionskritik führt (die
nach den Umständen der Zeit und der Umgebung nur den Charakter der
Dogmenkritik annehmen konnte). Die Folgen davon waren, daß
-
seine authentischen Vertreter (vor allem Roscelin von
Compiègne, dessen in Hinsicht auf den ~ sogar weniger
konsequenter Schüler Abaelard und William von Occam [auch Ockham
geschrieben]) ein äußerst gefährdetes Leben führten und auch wirklich
nur sehr knapp oder schlecht überlebten sowie
-
oft zu umschreibender, verhüllender oder zweideutiger
Ausdrucksweise sowie manchmal zu regelrechten Lügen ( Wahrheit)
Zuflucht nehmen mußten; (SATURN)
-
eine unabsehbare Menge Schriften erschien, die sich als
dem ~ zugehörig ausgaben, ohne es zu sein, oder versuchten, ihn
durch m.o.w. ausgedehnte Inkonsequenzen mit dem Realismus vereinbar zu
machen oder schließlich durch sorgfältige Entstellungen und
Isolationstechniken um seine kritische Substanz zu bringen, um
anschließend in seinem Namen zu sprechen.
Diese letzte Abwehrvariante erwies sich in den beiden
Folgejahrhunderten als die erfolgreichste; ihre Haupttendenz wurde
dementsprechend die »Trennung von Glaube und Wissen«
(JUPITER SATURN), die als
theologische Defensivwaffe ihre Nützlichkeit bis heute nicht verloren hat
(als ihr bekanntester Vertreter sei Gerson genannt, der unter den am
Prozeß gegen Hus beteiligten Kirchengelehrten wohl der seinerzeit
prominenteste war). Dies erklärt, warum in den späteren Generationen nach
der Blütezeit des authentischen ~ gerade die Verfechter einer
entschiedenen Kirchen- und Dogmenkritik immer wieder – und subjektiv
aufrichtig – ausgerechnet als Vertreter des Realismus auftraten und auch
so empfunden wurden (da dieser als »wenigstens ernsthaft«, das, was für
~ gehalten werden sollte, als »akademisch, aber windig« galt. An
dieser Stelle wurzeln bis heute die meisten volkstümlichen Vorstellungen
und sprachlichen Konnotationen über die Scholastik).
Wie konnten die echten Vertreter des Nominalismus überhaupt überleben (wie
eingeschränkt auch immer), und warum versuchte die Kirche, längere Zeit
sogar erfolgreich, ihren Namen auf ihre verläßlichsten Hausdenker
umzuschreiben statt zu bekämpfen? – Der Grund liegt in dem zwar
unzuverlässigen, aber nicht bagatellisierbaren Schutz, den ihnen zwei
kleine Bevölkerungsgruppen boten, die durch den neuen technischen
Entwicklungsschub teils entstanden, teils stärker und in jedem Fall
wichtig geworden waren: große Feudalherren, die gegen die Begehrlichkeiten
der Kirche opponierten (z.B. Kaiser Ludwig der Bayer) und das erstmals
aufstrebende städtische Bürgertum (z.B. das Pariser). Diese Kräfte hatten
an der Dogmenkritik ein natürliches Interesse und kamen dadurch teils als
Asylgeber, teils als breites und dadurch schützendes Publikum bei
öffentlichen Disputationen in Frage (darum wich z.B. der hl. Bernhard von
Clairvaux einer angekündigten öffentlichen Disputation mit Abaelard aus
und sorgte für dessen Diskriminierung und Verfolgung). Dieses historische
Kräfteverhältnis ermöglichte das Überleben der wichtigsten Schriften des
~ bis heute und motivierte dadurch die generationenlange
Verwässerungs- und Verfälschungsarbeit an ihrem Gehalt. Umgekehrt boten
sie späterem kritischen Denken eine Grundlage, so Hobbes und Francis
Bacon. Der ~ übernimmt
seine Hauptgedanken und -schlagworte von den arabischen
Aristoteleskommentatoren Ibn Ruschd (= Averroës) und Ibn Sina (=
Avicenna). Diese beiden, von denen der spätere sogar eine umfangreiche
Widerlegung al-Ghazalis geschrieben hat (d.h. des exakten islamischen
Äquivalents zu St. Thomas von Aquin), sind in jeder Hinsicht Nominalisten
ante datum;
auch sie schrieben in einem totalitären System, so daß nicht leicht zu
entscheiden ist, ob ihre Konstrukte, insbesondere die »Trennung von Glaube
und Wissen«, welche der Religion (MOND JUPITER SATURN) ein Schlupfloch lassen, ihre eigenen
Ansichten wiedergeben sollen oder Schutzbehauptungen (SONNE MERKUR
SATURN) sind; werden sie
später wieder aufgenommen, so kann sowohl das eine – wie z.B. bei Burridan
und Gerson, d.h. unbestrittenen Kirchenvertretern – wie auch das andere
vorliegen (so sicherlich bei Occam; das war auch die für ihn folgenreiche
Vermutung des zeitgenössischen Papstes). Die dem ~ zugrundeliegende
Einsicht ist aus naheliegenden Gründen sehr viel älter als dieser; so sagt
z.B. in Zurückweisung entgegengesetzter, nämlich platonischer Ansichten
der altgriechische Philosoph Antisthenes treffend: »Das Pferd sehe ich
wohl, aber nicht die 'Pferdigkeit'«.
Wichtigste Schriften:
Abaelard, Sic et non; Logica. William von Occam, Summa
logicae; Roger Bacon, Opus maius; Opus minus; Opus tertium;
Compendium studii philosophiae. Zu den arabischen Vorläufern: Jaya
Gopal, Gabriels Einflüsterungen (Ahriman), cap. 11; Ibn
Warraq, Why I am not a Muslim (Prometheus Books). Zur
Orientierung über die Sachfrage: Fritz Erik Hoevels, Die
zwei Arten des Denkens, System ubw, Freiburg 1998, p. 26sqq. |