Die ehemalige Nebenstrecke Wiesau - Tirschenreuth - Bärnau

 

In verschiedenen Quellen findet man zu dieser Strecke immer wieder herausgestellt, daß es sich bei der Nebenbahn Wiesau - Tirschenreuth um die erste Vizinalbahn in Ostbayern handelte. Darunter versteht man eine den Hauptbahnen untergeordnete Bahn, die in Steigungen größer, Mindestradien und Höchstgeschwindigkeit geringer und allgemein im Betrieb einfacher und somit sparsamer konzipiert ist. Damit waren die späteren Lokal- bzw. Nebenstrecken gemeint. Der Hacken an der Sache mit diesen ersten Vizinalbahnen mit "lokaler Wichtigkeit" war, daß die Gemeinde(n), die sich um den Bahnanschluß bemühten, nur Aussicht auf Unterstützung hatten, wenn sie ohne Inanspruchnahme von Staatsfonds den Grunderwerb und die Erdarbeiten für die Trasse selbst bewerkstelligten.

 

In der ersten Planung sollte die Strecke in Mitterteich von der Hauptlinie Weiden - Eger abzweigen, doch diese Pläne lehnte die Ostbahn ab. Hauptgrund dafür waren sicherlich die enormen Steigungen auf der etwa 10 km langen Linie, die zwangsläufig auch höhere Betriebskosten mit sich brächten. Für den zweiten Vorschlang, die Strecke in Wiesau zu beginnen, sah es da schon viel besser aus. Sie war zwar ungefähr einen Kilomter länger, aber die Gesamtbaukosten betrugen nur einen Bruchteil dessen, was die Linie nach Mitterteich gekostet hätte. Da mit dem Grunderwerb und den Erdarbeiten für die Vizinalbahn auf Tirschenreuth trotzdem erhebliche Kosten zukamen, beschloß man den Malzzuschlag für das Bierbrauen zu erhöhen, so daß die Biertrinker für die Zinsen dieses Bahnbaus mit aufkommen mußten.

 

Die Eröffnung des Abschnittes fand feierlich am 10. November 1872 statt. Der Betrieb lief gut an und bereits im Jahre 1874 mußte der Kurierzug Weiden-Eger in Wiesau als Anschlußzug einen Halt einlegen.

 

Anfang unseres Jahrhunderts wurde die Strecke von Tirschenreuth aus über Liebenstein, Schwarzenbach und Iglersreuth nach Bärnau an der Waldnaab verlängert und mit der Einweihung am 8. Juli 1903 der Betrieb aufgenommen.

 

Nach guter Auslastung ging ab den 50er Jahren die Auslastung wie überall zurück, was dazu führte, daß am 28.09.1975 der Personenverkehr zwischen Tirschenreuth und Bärnau eingestellt wurde. Zum 31.12.1984 endete mit anschließenden Abbau der Gesamtbetrieb auf dem Abschnitt Liebenstein-Bärnau. Schon zuvor war der Abschnitt dem Verfall preisgegeben. Vielen Bahnliteratur-Interessierten dürfte das Foto der blau-beigen V 60 bekannt sein, die, der Zugbegleiter auf der Trittbühne stehend, scheinbar auf einer Sommerwiese vorbeifährt, da im hohen Sommergras die Gleise nicht mehr zu sehen waren.

 

Das immerwährende Gerücht, in einer alten Gutshofscheuen bei Bärnau könnte sich noch eine ehemalige Hofer Neubaukessel-01er befinden, gehört mit ziemlicher Sicherheit ins Reich der Fabeln.

 

Der Personenverkehr Wiesau-Tirschenreuth endete mit den letzten VT 98 am 22.09.1989.

 

 

Zu dieser Strecke zeigen wir einige Bilder von den letzten Betriebsjahren, die uns Claus-Jürgen Prenzel von den Modellbahnfreunden Ammerndorf zur Verfügung gestellt hat. Herzlichen Dank!

 

Triebwagen VT 98 im Bahnhof Tirschenreuth

Im Bahnhof Tirschenreuth treffen sich ein zweiteiliger VT 98 und ein 360-geführter Güterzug in Richtung Bärnau.

 

Triebwagen VT 98 im Bahnhof Tirschenreuth

Bahnhof Tirschenreuth am Km 11. Anfang der 70er Jahre konnten hier noch von Dampflokomotiven geschobenen Klima-Schneepfüge beobachtet werden.

 

Triebwagen VT 98 im Bahnhof Tirschenreuth

Nochmals die selbe Szene mit dem abfahrbereiten VT 98 in Richtung Wiesau.

 

Triebwagen VT 98 im Bahnhof Tirschenreuth

Auch 360 112 steht abfahrbereit in Richtung Bärnau.

 

Triebwagen VT 98 im Bahnhof Tirschenreuth

Kurz nach der Abfahrt wurde dieser Bahnübergang überquert.

 

Triebwagen VT 98 im Bahnhof Tirschenreuth

Die Fahrt bis Wiesau dauerte ungefähr 20 Minuten, wo man dann Anschluß an die Hauptstrecke Hof-Regensburg hatte.


Christian Müller stellte für dieses Streckenportrait ebenfalls einige aufschlußreiche Bilder aus dieser Zeit zur Verfügung, ebenso verfasste er den folgenden, interessanten Text dazu, für den ich herzlichst danke:

Die Fotos sind Ende der 1980er, Anfang der 90er entstanden. Damals war im Tirschenreuther Bahnhof noch ziemlich viel los. Wichtigste Kunden waren das Kaolinwerk Schmelitz auf freier Strecke zwischen Tirschenreuth und Liebenstein, die Firma Weidermann, die am Bahnhof Kaolin verlud und die Walzenfabrik Hamm mit eigenem Gleisanschluss ca. 1 km Richtung Wiesau vor dem Tirschenreuther Bahnhof. Daneben wurden noch von einem Transportunternehmen Holzabfälle von Sägewerken verladen. Gelegentliche Bahnkunden waren die Firma Alteisen-Zagler, Alteisen-Behnke, Porzellanfabrik Zehentner und die Aral-Tankstelle am Bahnhof (alle mit eigenem Anschluss). Saisonal starkes Aufkommen herrschte beim Raiffeisen- und dem Lagerhaus der Firma Hoyer. Auch wurden mehrmals pro Jahr größere Mengen an Holz verladen und das Rote Kreuz verschickte Altpapier und Altkleider aus seinen Sammlungen per Bahn. Wenn mehrere solcher Saisonkunden zusammenkamen konnte es durchaus mal sein, dass der ganze Bahnhof voller Waggons stand. Damals wurde Tirschenreuth planmäßig einmal täglich angefahren, es kam aber durchaus häufiger vor, dass zusätzliche Einsätze der Wiesauer Rangierlok nötig waren, wenn eilige Waggons zuzustellen oder abzuholen waren, etwa bei Hamm oder Schmelitz.

Dass in früheren Zeiten die Bahn weitaus mehr als heute mit dem Wirtschaftsleben verzahnt war, lässt sich übrigens an einigen Fotos des Tirschenreuther Fischereimuseums erkennen: Dort ist ein Waggon gezeigt, der in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Tirschenreuther Fischzuchtgewerbe gehörte und speziell für den Transport von Lebendzuchtfischen zu den Abnehmern diente. Durch das Rütteln des Waggons während der Fahrt wurden die Wasserbecken im Innern aufgewühlt und das Wasser mit Sauerstoff durchmischt, damit die Fische nicht erstickten.

Richtung Liebenstein folgt als nächstes das Rohstoffwerk Schmelitz, ca. auf halber Strecke zwischen Tirschenreuth und Liebenstein, der bis zuletzt größte Bahnkunde, der Porzellanrohstoffe in alle Welt verschickte. Der nächste Kunde war übrigens die Porzellanfabrik in Windischeschenbach, der entfernteste eine Porzellanfabrik im schwedischen Rohrstrand. Ich habe dort selbst gelegentlich während der Ferien gearbeitet und manchmal auch Waggons beladen, was aber meistens eine ziemlich staubige Angelegenheit war. Einmal brachte die Lok zwei neue Waggons zum Beladen und einer der Rangierarbeiter meinte zum Werksvorarbeiter: Schau dir mal an, ob die Waggons sauber genug sind, sonst bringen wir euch zwei andere. Der Vorarbeiter guckte dann rein und meinte: Naja, eure Waggons werden ja auch immer besser, ich seh' schon. Lasst die mal da, nächstes Mal bringt ihr mir aber wieder was Gescheites, ja?

In Liebenstein wurde zuletzt nur noch das Lagerhaus per Bahn bedient. Zwei Sägewerke in der Umgebung hatten gelegentlich noch Waggons mit Schnittholz versandt, das brach aber Anfang der 1990er Jahre ganz weg. Diese beiden Sägewerke beziehen übrigens noch heute permanent große Mengen Stammholz aus Osteuropa per Bahn, dieses wird aber vor der Grenze, in Plana (Plan) und Marienbad (Marianske Lazne) auf LKW umgeladen, und dann über den Grenzübergang Mähring eingeführt, was Anlass gibt, über den Sinn oder Unsinn einer Verkehrspolitik nachzudenken, die einen vorhandenen Verkehrsträger vernachlässigt um mit Steuergeldern einen anderen auszubauen. Der Bau der Mähringer Umgehung war vor allem auch deshalb nötig, weil sich die Holzfuhrwerke permanent in gefährlicher Weise durch die viel zu enge Mähringer Hauptstraße quälen mussten und die Möglichkeit eines größeren Unfalls wohl nur eine Frage der Zeit gewesen wäre.

Die weitere Strecke bis Bärnau war 1990 schon abgebaut. Endpunkt der Strecke war Bärnau. Das dortige Bahnhofsgebäude ist heute in privater Hand und sehr schön erhalten. Bärnau sollte übrigens ursprünglich nicht Endpunkt der Strecke sein, vielmehr war vor dem 1. Weltkrieg geplant, von Bärnau aus bis ins böhmische Tachau (heute Tachov) weiterzuführen. Im letzten Streckenplan der österreichisch- ungarischen Eisenbahnverwaltung ist die Verbindung Bärnau-Tachau auch bereits als "in Planung" eingezeichnet. Durch den 1. Weltkrieg wurde dann nichts daraus. Im Gegensatz zu seinem bayerischen Gegenstück Bärnau ist aber der Tachover Bahnhof bis heute in Betrieb und wird im Personen- und Güterverkehr ziemlich rege genutzt. Über Schirnding ist der Bahnhof sehr gut zu erreichen, Richtung Pilsen in Plan umsteigen, dort zweigt die Nebenlinie nach Tachov ab. Die Nebenstrecke von Plana nach Tachov ist im 60er Jahre-Flair, im Einsatz sind die tschechischen Gegenstücke zu den roten DB-Schienenbussen, denen, wohl um Leerfahrten einzusparen, häufig Rangierloks vorgespannt werden, es gibt zahlreiche unbeschrankte Bahnübergänge, an denen fast nie ein Auto zu sehen ist. Auf der gesamten Strecke von Schirnding bis Tachov gilt übrigens das deutsche Wochenendticket und die Altstadt von Tachov (vom Bahnhof ca. 10 Gehminuten) ist wirklich sehr schön und hat zahlreiche Straßencafes.

Gleisanschluss der Firma Schmelitz an der Strecke Tirschenreuth-Liebenstein mit Blick Richtung Liebenstein.

 

Bahnhof Liebenstein: Über die hintere (Richtung Bärnau liegende) Weiche hat die Lok soeben mit Dünger beladene Waggons ins Liebensteiner Ladegleis geschoben und setzt nun über die vordere Weiche erneut ins Ladegleis um, um bereits entladene Waggons abzuziehen und die Rückfahrt anzutreten. Ein Lagerhausmitarbeiter (vorne rechts) hat seine Brotzeit zum Bahnhof verlegt um den seltenen Anblick zu genießen.

 

Holzverladung in Liebenstein: Unmittelbar vor der Einfahrt in den Liebensteiner Bahnhof. Es dürfte sich um einen der letzten in Liebenstein abgefertigten Holzwaggons handeln.

 

Die Wiesauer Rangierlok hat auf der Schmelitz beladene Waggons abgeholt und passiert gerade den Bahnübergang in der Falkenbergerstraße in Tirschenreuth, unmittelbar vor dem Bahnhof.

 

Güterzug nach Tirschenreuth, auf Höhe des Anschlusses der Walzenfabrik Hamm.

 

Zur letzten Fahrt nach Tirschenreuth haben sich zahlreiche Leute eingefunden. Die Eisenbahnära in der Kreisstadt Tirschenreuth geht zu Ende.

 

Die Schatten sind bereits lang, als sich im November 1988 die Wiesauer Rangierlok in Anfahrt auf den Bahnhof Liebenstein/Opf. befindet. In den Wagen sind Düngemittel aus Osteuropa für das Lagerhaus Liebenstein. Einige Jahre später, nach Wegfall des Eisernen Vorhangs, werden diese Transportleistungen von Billigfuhrunternehmern abgewickelt werden, der Bahnhof Liebenstein wird nach Verlust seines letzten Kunden 1994 stillgelegt.

 

 


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