Ignatius von Senestréy
Bischof von Regensburg (1858-1906)

Sein Werdegang bis zur Übernahme des Bischofsamtes
- Geboren ist er am 13. Juli 1818 als drittes von sechs Kindern des königlichen Landgerichtsassessors Karl Georg Ignaz Senestréy aus Tirschenreuth und seiner Ehefrau Anna Maria Gmeiner in Bärnau/ Opf.
- Zur Schule geht er in Bärnau und in Amberg. Dort schließt er mit Franz Seraph Pfistermeister, dem späteren Kabinettssekretär von König Max II. eine Freundschaft fürs Leben. 1834 siedelt er nach München über und schließt seine Schulausbildung nach zwei Jahren mit dem Abitur. Während dieser Zeit wohnt er bei seinem Onkel und Taufpaten Pantaleon Senestréy, Generalvikar in München. Der Onkel sorgt, nachdem Ignaz wie zwei seiner Brüder einen geistlichen Beruf anstrebt, für die Erlaubnis zum Studium der Theologie am Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom.
- In Rom angekommen lernt er den eben neuernannten Bischof von Eichstätt Karl August Graf von Reisach kennen, was für seinen Lebensweg sehr wichtig werden wird.
- Die Studienzeit in Rom macht ihn zu einem kämpferischen Vertreter der Neuscholastik und entschiedenen Gegner aller anderen theologischen Bemühungen. Das Studium der Philosophie schließt er mit dem römischen Doktorgrad ab. Wegen Bluthusten muss er vor dem Erwerb des theologischen Doktorgrades auf ärztlichen Rat hin seine Studien in Rom abbrechen und kehrt als neugeweihter Priester nach Bayern zurück.
- Er verlässt das Bistum Regensburg und nimmt in der Erzdiözese München-Freising eine Stelle als Spiritual bei den Salesianerinnen in Dietramszell an. Bereits 1843 wird er Präfekt im Priesterseminar Eichstätt und tritt in diesem Jahr auch die Stelle eines Dozenten für Philosophie am Lyzeum in Eichstätt an.
- Wegen Krankheit muss er die beiden Posten aufgeben und siedelt als Krankenkurat nach München in die Max-Vorstadt über. Eine Rückkehr ins akademische Lehramt scheitert, weil der König wg. Differenzen mit der Ultramontanen der Ernennung eines Germanikers nicht zustimmen will.
- So übernimmt er 1847 die Pfarrei Kühbach in der Diözese Augsburg. In diesem Amt kommt es wegen seines rigorosen Verhaltens im Beichtstuhl zu Differenzen mit seinen Pfarrkindern. Als Pfarrer versucht er sich auch in der Politik, bewirbt sich als Landtagskandidat, hat aber nur mäßigen Erfolg. In die Kühbacher Zeit fällt auch ein ungeklärter Fall, zu dem die Dokumente wahrscheinlich im Bischöflichen Archiv in Regensburg liegen: Senestréy wird wegen der Verwicklung in eine Abtreibung angeklagt.
- 1852 bewirbt er sich um eine Stelle im Regensburger Domkapitel, muss dort aber einem anderen den Vortritt lassen. Er erhält aber von Erzbischof Reisach in München eine Stelle an der Frauenkirche in München. Am 1. Juli 1853 wird er endlich Domkapitular in Eichstätt. Dort findet er auch Zeit, seine theologischen Studien weiterzuführen, und wird an der Würzburger Fakultät mit einer lateinisch abgefassten Arbeit zu einem kirchenrechtlichen Thema zum Dr. theol. promoviert.
- Im Winter 1856/57 unternimmt er im Gefolge des Königs eine Rom- u. Italienreise. Er wird von Papst Pius IX. in Privataudienz empfangen und festigt seine Beziehungen zu Reisach, jetzt Kurienkardinal. Dabei wird auch seine Promotion auf einem Bischofsstuhl vorbespochen worden sein. Gregor von Scherr äußerte später, nicht der Monarch, sondern der Kabinettssekretär Pfistermeister habe Senestréy zum Bischof gemacht.
- Am 27. Januar 1858 wird er zum Bischof von Regensburg ernannt. Auch ein Sturm in der Presse und mehrere Einwendungen können es nicht mehr ungeschehen machen. So wird Senestréy am 2. Mai bezeichnenderweise nicht vom zuständigen Metropoliten, dem Erzbischof von München-Freising, sondern vom päpstlichen Nuntius in Bayern Flavio Fürst Chigi zum Bischof geweiht. Auch in Regensburg will man ihn nicht haben, man trifft zu seinem Amtsantritt keine besonderen Vorkehrungen. Gleich nach der Bischofsweihe kommt es zu einem Eklat, denn das Domkapitel meint, man solle es bei der Weihe wie bei der Primiz halten, d.h. der neugeweihte Bischof sollte die Kosten der Weihe aus eigener Tasche tragen. Er weist das Ansinnen entrüstet zurück, man müsse von ihm erst lernen, was ein Bischof ist. Und man lernt es schnell.
Ein energischer Bischof
- Noch im ersten Jahr seines Bischofsamtes bereiste Senestréy den größten Teil seines Bistums und spendete dabei 31.000 Kindern das Sakrament der Firmung.
- Die Sorge um den Priesternachwuchs war angesichts des Priestermangels ein erstes Hauptanliegen, das er mit der Errichtung von Knabenseminaren [1] in Regensburg (1881) und Straubing (1885), neben dem schon bestehenden in Metten, für seine Zeit sehr erfolgreich löste.
- In der Sorge um eine geeignete Unterkunft für das Priesterseminar, hatte er schnell die Schottenabtei in Regensburg ins Auge gefasst. Drei Klöster hatten im Bayern die Säkularisation ohne Auflösung überlebt: die Schottenabtei, Das Dominikanerinnen- und das Klarissenkloster in Regensburg. Die Begehrlichkeit des Bischofs lässt alle Versuche scheitern, das Schottenkloster wieder mit mehr Leben zu erfüllen. Am 2. September 1862 wird das Kloster durch päpstliches Breve säkularisiert und zum Priesterseminar umgebaut. Die Vorstände für sein Seminar sucht er nicht danach aus, ob sie mit Menschen umgehen können, sondern sein Maßstab ist absolute Linientreue. So kommen bevorzugt Leute aus seinem Bekanntenkreis, ehemalige Germaniker wie er, zu Zuge.
- Schon vor seiner Bischofsweihe teilt er dem Domkapitel mit: "Ich werde die Domtürme vollenden." Und er tut alles, damit seine Pläne umgesetzt werden. 1869 ist das Werk vollendet.
- Mit Klostergründungen wird das Bildungswesen ausgebaut (Zisterzienserinnenabtei in Waldsassen, Klarissenkloster in Riedenburg, Salesianerinnen in Oberronning, Englische Fräulein in Deggendorf, Plattling, Regensburg, 32 neue Niederlassungen der Armen Schulschwestern). Die Mallersdorfer Schwestern übernehmen viele soziale Aufgaben. Zur Festigung des religiös-sittlichen Lebens in allen Schichten der Bevölkerung werden die Bruderschaften gefördert. Die Kirchenmusik im Stil des Cäcilianismus (Belebung der altklassischen Vokalpolyphonie: Vorbild Giovanni Pierluigi da Palestrina und seine berühmte "Missa Papae Marcelli")
Senestréy und das Erste Vatikanische Konzil
- Ab 1864 nehmen in Rom die Bestrebungen zu ein Konzil einzuberufen und neben der feierlichen Verurteilung der Zeitirrtümer (im Syllabus Pius IX. schon erfolgt) d i e F r a g e zu behandeln: die päpstliche Unfehlbarkeit. Senestréy gehört zu den kompromisslosesten Verfechtern dieses Vorhabens. Sein Hauptaugenmerk war nicht auf die theologische Frage an sich gerichtet, er wollte damit nur einen "Knüppel" erschaffen, um unliebsame Gegner innerkirchlich zum Schweigen bringen zu können. Mit unfehlbarem Urteil sollten schnell alle Probleme "gelöst" werden, ein Vorhaben, dass dann doch nicht Wirklichkeit wurde.
- 1867 legt er mit Henry Edward Manning, dem Erzbischof von Westminster, bei 1800-Jahrfeier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus, ein Gelübde ab, alles zu tun, um die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes definieren zu lassen.
- Allen Widerständen zum Trotz setzt er alles (auch mit Intrigen und anderen unfeinen Mitteln) daran seinem Ziel näher zu kommen. Deutlich kommt seine Geisteshaltung in einer Ansprache zu Tage, die er auf Firmungsreise im Pfarrhof von Schwandorf vor kleinem Kreis gehalten hat: "Wir Ultramontanen, wir Reaktionäre, wie man uns nennt, können nicht nachgeben, die Gegensätze können nur durch Krieg und Revolution ausgeglichen werden; eine friedliche Ausgleichung ist nicht mehr möglich. Wenn man sich die Köpfe gegeneinander blutig gestoßen hat, wird man wieder zu Gott zurückkehren! Wer macht die weltlichen Gesetze? Wir beachten sie nur, weil die Gewalt hinter uns steht, die uns zwingt; die wahren Gesetze kommen von Gott; selbst die Fürsten sind von Gottes Gnaden, und wenn sie dieses nicht mehr sein wollen, so bin ich der Erste, der die Throne stürzt."
- Am 18. Juli ist er am Ziel: mit 533 Ja-Stimmen bei 2 Nein wird die Konstitution "Pastor aeternus" angenommen und vom Papst verkündet. Fast alle Gegner waren vor Konzilsende bereits abgereist (Senestréy redete von Flucht), um nicht dabei sein zu müssen.
- Trotz dieses Sieges muss er bald erfahren, dass die Unfehlbarkeit, wie er sie wollte, nicht in der Kirche eingeführt worden war (vgl. den folgenden Absatz: "Ein Kind der Mutter").
Ein Kind der Mutter
- Eine pikante Affäre entwickelt sich um die fünfundzwanzigjährige Louise Beck. Die neurotische Frau wähnte sich mit Seherkraft begabt und diente dem Redemptoristenprovinzial Franz Ritter von Bruchmann als "Orakel".
- Bruchmann hatte sie mit dem Exorzismus von etlichen "Dämonen" befreit. In einer Vision sah sie einen "seligen Geist", der sich als Bruchmanns früh verstorbene Ehefrau Juliane ausgab. Auch andere Patres der Redemptoristen bestätigen diese Vision als echt. Bald trat Louise über diesen Geist auch in Verbindung mit der Gottesmutter. Und wer sich wie sie zum "Kind der Mutter" machte, musste den Anweisungen getreulich folgen, die die Seherin als himmlische Befehle ausgab.
- Zu dieser "Höheren Leitung" nahmen mehrere bedeutende Vertreter der Kirche Zuflucht, u.a. der Münchner Erzbischof Reisach und sein Generalvikar Friedrich Windischmann ebenso wie auch Senestréy.
- Ende Juli 1872 kam er für eine Woche nach Gars, vertiefte sich in die Akten, führte Gespräche und schied als "Kind der Mutter", nachdem er folgendes Gelöbnis abgelegt hatte: "Ich weiß, wie schwer ich Dich beleidigt habe und erkenne die Nothwendigkeit der Buße und Genugthuung
Darum bitte ich Dich mit vollem Vertrauen, dass Du die Züchtigung, welche Du über mich verfügt hast, gnädig umändern wollest
Ich bitte Dich, züchtige mich nicht mir der Rute, welche Du für mich bestimmt hast, sondem mit einer anderen, welche mich nicht hindert in Deinen h. Diensten. Befreie mich gänzlich und ohne Zaudem von dieser Geißel, die Du kennst
Um Deine Gerechtigkeit zu versöhnen und Deine Barmherzigkeit zu bewegen, verspreche ich vor Deiner heiligsten Mutter Maria, vor der seligen Mutter, durch deren Vermittlung ich Deinen hl. Willen zu erkennen u. zu vernehmen hoffe, und vor Deiner Dienerin und vor diesen Anwesenden, dass ich Dir treu dienen wolle alle Tage meines Lebens mit Deiner Gnade."
Weil Senestréys Nachlass immer noch im Bistumsarchiv Regensburg unter Verschluss liegt, kann über die "Geißel" nur gemutmaßt werden.
- Für Senestréy wurden jetzt immer mehr Entscheidungen seiner Amtsführung und seines persönlichen Lebens von der "Höheren Leitung" entschieden. Aus Angst vor Unbill hatte er sich in eine Lage manövriert, in der er ebenso unter Druck gesetzt wurde.
- Das größte Drama dieser unglückseligen Beziehung war der Versuch die Schriften Sailers auf den Index zu setzen. Sailer lag bei Senestréy zunächst ausserhalb des Gesichtskreises. Eine Kämpfernatur wie er konnte sich natürlich nicht dem irenischen Sailer nähern. "
das leere Gewäsch Sailers auch nur zu lesen", hatte er nie über sich gebracht. Von der "Höheren Leitung" angestiftet, hatte er versucht, die Schriften von Bischof Johann Michael Sailer auf den Index der verbotenen Bücher setzen zu lassen (Klageschrift verfasst von Konstantin Freiherr von Schaezler), denn für die Redemptoristen war im Heiligsprechungsprozess von Clemens Maria Hofbauer das bösartige Gutachten über Sailer ein Hindernis, wenn man es nicht schaffte, Sailers Andenken zu ächten. Sogar für viele, die Senestréy ansonsten hoch schätzten, ging er hier zu weit. Obwohl ihm Papst Pius IX. sehr gewogen war, selber die Klageschrift entgegen nahm und das Verfahren dadurch höchste Priorität genoss, in den Schriften Sailers war nichts Anstößiges zu finden. Kardinal Johannes Baptist Franzelin SJ durchschaut die Intrige und besorgt, dass der Fall niedergeschlagen wird (vgl. Hubert Wolf (Hg.): Johann Michael Sailer. Das postume Inquisitionsverfahren). Trotzdem hatte diese Aktion den Effekt, dass bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das Andenken Sailers verdunkelt war.
- Als am 9. August 1879 Louise Beck starb, äußerte Senestréy, er wissen nun nicht mehr, wie er die Diözese leiten könne.
In Konflikt mit dem Staat
- In der Zeit des Kulturkampfes nach dem Konzil versteht es Senestréy immer wieder, seine gegensätzliche Haltung am deutlichsten von allen Bischöfen zum Ausdruck zu bringen. So bezeichnete er auf dem Hintergrund, dass der bayrische Kultusminister Johann von Lutz sich dem Unfehlbarkeitsgegner Ignaz von Döllinger verbunden wusste und auch die Sache der Altkatholiken sehr unterstützte, Staatsmänner, die mit der Häresie gemeinsame Sache machen, als Verbündete jener, die auch den Aufstand gegen den rechtmäßigen Fürsten für erlaubt halten. Eine Position, die uns Heutigen nur ein Achselzucken wert ist, aber damals war es eine Ungeheuerlichkeit, solches öffentlich zu äußern.
- Seine unbeugsame Haltung beschädigte auch die Position der Kirche im Land, als es im Streit mit den staatlichen Stellen zwischen den Bischöfen von Bamberg und Regensburg zu einem ernsten Zerwürfnis kam und gerade in der kritischsten Zeit wegen der internen Spannungen vier Jahre lang keine Bischofskonferenzen stattfinden konnten.
- Nach dem Tode Papst Pius IX. stieß freilich seine starre Haltung auch in Rom zunehmen weniger auf Gegenliebe. Und als es darum ging, wer von den deutschen Bischöfen mit dem Kardinalspurpur ausgezeichnet werden sollte, fiel gerade auch wegen der ständigen Reibereien Senestréys mit dem Staat die Wahl auf den Breslauer Erzbischof Georg Kopp, obwohl Senestréy sich selber beste Chancen ausrechnete wegen seiner romtreuen Haltung und seines Alters. Ein halbes Jahr später wurde er dann mit dem Pallium ausgezeichnet. Ein Trostpflästerchen.
- Ab der Jahrhundertwende entgleitet ihm wegen seines Alters die Führung der Diözese zusehends. Jetzt ist es sein Generalvikar Dr. Franz Xaver Leitner aus Bodenwöhr der das Bistum leitet, ohne nach außen hin dafür die Verantwortung übernehmen zu müssen. Als bischöflicher Sekretär ab 1874 und Generalvikar 1893 war er einer von Senestréys engster Mitarbeiter gewesen und führt das Bistum nach den gleichen rigorosen Prinzipien. Am 16. August 1906 stirbt Bischof Senestréy im Alter von achtundachtzig Jahren, Inbegriff des Ultramontanismus in Bayern und des klerikalen Widerstands gegen die Staatsgewalt.
dargestellt nach dem einschlägigem Kapitel in:
Karl Hausberger: Geschichte des Bistums Regensburg.
Bd. 2: Vom Barock bis zur Gegenwart.
Regensburg. Verlag Friedrich Pustet. 1989.
S. 156-192.