Pfarrbrief-Logo Unser Hochaltarbild
nach einer Predigt zum Kirchweihfest
am 19. Oktober 2003

 

Hochaltarbild in Ruhmannsfelden, Künstler Johann Jakob de LensHeute möchte ich nicht einen Text aus der Heiligen Schrift mit Ihnen genauer anschauen, sondern unser Hochaltarbild. Mit Ausnahme der Fastenzeit prägt es unsere Kirche. Ja gerade, wenn es vom violetten Hungertuch mit den Leidenswerkzeugen verdeckt wird, zeigt sich dieser Umstand ganz besonders deutlich.

Aber gibt es da viel zu sagen? Wir sehen Maria mit dem Jesuskind, zwei Putten bringen ein Kreuz und ein Engel kniet vor der Szene. Das ist doch alles, was zu sehen ist. Das merkt man doch auf den ersten Blick, da braucht es doch keine lange Rede, das sieht doch jeder, der Augen im Kopf hat.

"Gott sei Dank ist unser Hochaltarbild kein so modernes Zeugs, wo man nicht weiß, was es bedeutet, sondern alles ist leicht und schnell fassbar und außergewöhnlich schön," mag da jemand sagen, dem heutige Kunst Kopfzerbrechen macht. Dem kann man sagen: "Schön ist es, aber leicht und schnell fassbar ist es nicht."

Der Künstler Johann Jakob de Lens (1793) und der Auftraggeber, der letzte Abt des Zisterzienserklosters Ebrach [1] in Franken, Eugen Montag, möchten uns mehr, viel mehr sagen, als ein erster, flüchtiger Blick her gibt. Künstler und Auftraggeber haben ein Zeugnis ihres Glaubens in das Bild hinein komponiert nicht als Reklame, die laut ins Auge springt, sondern leise und zurückhaltend angedeutet, zu lesen für den, der sich auf ihre Zeichensprache einlässt und sie zu entschlüsseln sucht.

Ein paar Momente, die mir aufgefallen sind, möchte ich Ihnen aufzeigen.

Maria und Jesus in idyllischer Landschaft? Oberflächlich angeschaut - sicher. Aber da steht mehr dahinter. Auf den ersten Seiten der Bibel wird die Schöpfung als ein prächtiger Garten geschildert - das Paradies. Gott setzt dahinein den Menschen als seinen Sachwalter (Gen 2,15), aber der Mensch will sein wie Gott und verspielt sein Glück (Gen 3,6-7). Dornen und Disteln (Gen 3,17-18) - Leid und Dunkel prägen den Weg des Menschen, sind sein Schicksal. Ja, er kann ahnen, wie schön es sein könnte, aber immer wieder müssen wir erkennen, dass die Momente des Glücks, die Ahnung von Vollendung verdrängt werden vom Grau des Alltags, ja, dass das Böse in seinen vielfältigen Formen Finsternis verbreitet.

So zeigt uns der Künstler eine Welt im Halbdunkel. Aber am Horizont geht ein neuer Morgen auf. Um diese Paradiesszene zu bekräftigen, ist hinter Maria und Jesus ein großer Baum zu ahnen, der auf der Seite Marias deutlich zu sehen ist - der Baum des Paradieses.

(Ein weiterer Gedanke, der ins Bild eingeflossen ist, findet sich am Beginn des Psalmenbuches:
"Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen."
Ps 1,1-3)

Im Laudeshymnus (kirchliches Morgengebet) der Marienfeste heißt es:

"Was Eva einst verloren sah
gibst du im Sohne reich zurück.
Der Himmel öffnet sich in dir;
zur Heimkehr steht der Weg uns frei."

Und in der Präfation am Fest von Mariä Geburt:

"In ihr leuchtet auf die Morgenröte der Erlösung,
sie hat uns Christus geboren, die Sonne der Gerechtigkeit."

Ja, das Kleid Marias hat der Künstler im rosafarbnen Ton der Morgenröte gemalt. Sie ist die Morgenröte der Erlösung und sie präsentiert uns ihren Sohn Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit.

Von oben bringen zwei Putten ein golden leuchtendes Kreuz, ihre Lendenschürzchen leuchten in der Farbe der Morgenröte, ja das leuchtende Kreuz verdeckt fast ganz den Baum:

"Vom Baum des Paradieses kam der Tod,
vom Baum des Kreuzes erstand das Leben.
Der Feind, der am Holze gesiegt hatte,
wurde auch am Holze besiegt."

(Präfation vom hl. Kreuz)

Jesu Weg führt nach unten, aber er steht sicher auf dem abschüssigen Weg, während wir ausgleiten und fallen. Er breitet die Arme aus - am Kreuz und lädt uns ein zu ihm zu kommen, er möchte uns in seine Arme schließen - auch heute.

Vor ihm kniet anbetend ein Engel, der Blumen zu den Füßen Jesu abgelegt hat. Er trägt das dunkle Gewand der Mönche. Die Zisterzienser tragen es noch im Skaplier. Ihr weißer Habit spiegelt sich wieder in den Flügeln des Engels

(Dies ist zum einen Zeichen für die Einfachheit, der sich die Zisterzienser in Abgrenzung von den Benediktinern [mit denen sie die Regel des hl. Benedikt als Grundlage der Lebensordnung im Kloster gemeinsam haben] der Entstehungszeit ihres Reformordens [vgl. Abtei von Cluny] verpflichtet wussten. Ihre Kleidung wird ohne aufwändige Färbung des Stoffs hergestellt. Zugleich ist es ein Verweis auf die "vita angelica" [engelgleiches Leben]. Mit diesem Stichwort charakterisiert Johannes Cassianus das Leben der Mönche im immerwährenden Gebet, im Verzicht auf weltliche Interessen und der Beruhigung der Leidenschaften),

Der Auftraggeber hat sich sozusagen in seinem Schutzengel in die Szene malen lassen.

Ein Gedanke von Bernhard von Clairvaux unterstreicht dies:
"So lasst uns denn, Brüder, Gottes Engel innig lieben. Sie werden ja einmal unsere Miterben sein, und einstweilen sind sie unsere Führer und Schützer, vom Vater eingesetzt und für uns bestimmt. Was hätten wir unter solchen Führern zu fürchten? Auf allen Wegen führen sie uns. Und sie können nicht überwunden werden, sie können nicht irregeleitet werden, noch können sie selbst in die Irre führen. Sie sind getreu, sie sind klug, sie sind mächtig: Was sollen wir fürchten? Folgen wir ihnen nur in Treue: und wir wandeln im Schutze des Himmelsgottes.
Sooft darum eine heftige Versuchung dich bestürmen will, sooft eine schwere Bedrängnis dir bevorsteht: rufe ihn an, deinen Schutzengel, deinen Führer, deinen Helfer in guten und bösen Stunden."

Ganz unten im rechten Eck sehen wir das Wappen des Abtes. Eine Linie führt durch das Bild: Maria, Jesus, der Engel, das Wappen.

Aber da ist noch der rote Mantel.

Der rote Mantel des Reichsfürsten ist über Jahrhunderte hinweg die unerreichte Sehnsucht der mächtigen Äbte von Ebrach. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte: Im Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803, der das Ende aller Klöster besiegelt, wird Ebrach als reichsunmittelbar geführt. Erst im Untergang wird erreicht, worum man sich über Jahrhunderte vergeblich abgemüht hatte.

Noch ein letzter Gedanke. Als das Gemälde hier in das Ensemble unseres Hochaltars eingefügt wurde, hat man ihm eine zusätzliche Aussage gegeben, es weist gewissermaßen über sich hinaus. Die Linie vom golden funkelndem Kreuz auf dem Weg nach unten zeigt genau auf die Mitte des Altars. Auf dem Altar ereignet sich das, was der Künstler ins Bild setzt und wovor der Abt (vertreten durch seinen Schutzengel) anbetend nieder sinkt: Jesu Gegenwart in der Feier der Eucharistie

Setzen wir nochmals an: Die beiden Bildachsen (vom Kreuz zur Altarmitte und von Maria zum Engel) kreuzen sich auf der Brust Jesu. Sein Herz ist die Mitte, seine Liebe, die sich am Kreuz bis zum letzten zeigt.

Im Johannesevangelium (Joh 19, 31-35) lesen wir:
"Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag. Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt."

Das (und, wenn Sie sich selber dem Bild aussetzen, noch viel mehr) zu erkennen, möchte unser Altarbild die Augen öffnen: Jesus kommt zu uns, er lädt uns ein ihn aufzunehmen, er möchte uns in seine Arme schließen, Einkehr bei uns halten, uns mit seiner Liebe beschenken.

Unser Part bleibt die dankbare Anbetung, die Abt Eugen Montag und der Maler Johann Jakob de Lens im Engel schon ins Bild gesetzt haben. In der Eucharistiefeier stimmen wir in den Lobgesang der Engel ein. Es soll mehr sein als ein Lippenbekenntnis.