Hans-Christoph Unger ... und seine Geburtsstadt
Breslau
Ich
wurde an einem Sonntag, den 28. Januar 1940 in Breslau geboren.
Die schlesische Hauptstadt Breslau
gehörte bis 1945 damals noch zum Reich.
Bilder
aus der alten Heimat:
Ende
Januar 1945 mußte meine Mutter mit ihren 5 Kindern (2 bis 16 Jahre) die Stadt
fluchtartig vor den herannahenden
Russen verlassen.
Hier ein historischer Bericht über
den Verlauf dieser Flucht,
aufgezeichnet von meinem Bruder
Wolfgang (damals 14 Jahre) aus der Erinnerung:
Die
Flucht aus Breslau.
Familie Frei
(meine Tante mit 4 Kindern) wohnte zu Fuß ca. 30-40 Minuten von unserem Haus
entfernt. Sie kamen 1 Tag vorher zu uns und übernachteten bei uns, weil meine
Mutter und Familie Frei zusammen Breslau verlassen wollten. Ich selber neigte
dazu bleiben. Breslau wurde am 1. Februar 1945 zur Festung erklärt, danach
durfte kein Bewohner mehr raus. Die Flucht begann am 27. oder 28.Januar 1945.
Ich meine, es war der 27. Vom Hauptbahnhof wussten wir, dass dort Überfüllung
und Chaos war. Von unserem Haus entfernt ca. 10 Minuten zu Fuß war ein kleiner
Bahnhof (Haltestation). Familie Frei und wir gingen also am nächsten Morgen ca.
9 Uhr in der Hoffnung, dass ein Zug kommt zu diesem Bahnhof kommt. Ich habe
gedacht, wenn keiner kommt zu diesem Bahnhof, gehen wir halt wieder heim. Wir
hatten auch ein paar Hühner; denen haben wir noch ein paar Körner und Wasser
hingestellt. Es war sehr kalt, ca. 20° Kälte und sehr viel Schnee. Als Gepäck 1
Kinderwagen und darin etwas Lebensmittel. Jeder war 3 oder 4fach angezogen. In aus
Decken gebundenen Rucksäcke war noch etwas Handgepäck.
Am Bahnhof
kam tatsächlich ein fast leerer Zug an. Wir stiegen ein, in der Hoffnung in 3-4
Wochen wieder daheim zu sein. Nach ca. 30-40 km westwärts blieb der Zug in
irgendeinem Bahnhof stehen. Dort waren schon viele Menschen. Nach ca. 1 Stunde
kam ein anderer Zug. Da herrschte dann schon Chaos. Wir kamen also in diesen
Zug, der völlig überfüllt war. Niesky
war die erste Station. Dort übernachteten wir in einer Turnhalle, als
Bett-Unterlage diente Stroh.
Am nächsten
Tag ging es weiter nach Quolsdorf
(heute Sachsen), wo wir 14 Tage blieben in einem Schloß (besseres Gutshaus).
Die Aufnahme war gut. Am 12. Februar war mein 14. Geburtstag, den dritten auf
der Flucht (vorher Christoph und Mutti). Am 13. Februar war die Zerstörung von
Dresden, wir waren etwa 120 km weg, aber wir bekamen nichts mit, obwohl wir
laufend Kanonendonner hörten.
Nach dem
14tägigen Aufenthalt in Quolsdorf wurden wir mit einem Pferdewagen zum dortigen
Bahnhof gebracht. Wir kamen wieder mit Gedränge in einen bereitstehenden Zug.
Familie Frei war nicht mehr im gleichen Wagon. Wir wussten aber, dass auch sie
mitgekommen sind. Die Fahrt ging über Leipzig. Am Hauptbahnhof reichten uns
Rote Kreuz Schwestern eine warme Suppe durchs Fenster. Die Fahrt ging durch die
Tschechoslowakei, die damals zu dieser Zeit noch deutsch besetzt war. Immer
wieder hielt der Zug. Einmal eine ganze Nacht mitten im Wald. Die Kohle ging
zur Neige, so wurde Holz, was in der Nähe der Gleise war, aufgeladen und die
Lok konnte wieder fahren. In dieser Wartezeit konnten wir uns sogar wieder mit
Familie Frei vereinigen.
Die nächste
deutsche Stadt war Weiden in der Oberpfalz. Von da ging es weiter in den
Bayerischen Wald. Ab Deggendorf wurde jeweils ein Wagon abgehängt. Die letzte
Station war Grafenau, wir waren
die vorletzte Station Spiegelau.
Wir wurden mitten in der Nacht (kalt und viel Schnee) von Pferdeschlitten
abgeholt und man brachte uns ins nahe gelegene Riedlhütte. In der
dortigen Schule konnten wir und andere übernachten. Am nächsten Morgen wurden
wir auf drei Häuser aufgeteilt. Mutti(40) mit den 2 jüngsten Kindern
Christoph(5) und Michael(2) in einem Geschäftshaus, Rita(15) und Dorle(8) im
Nachbarhaus und ich(14) in einer Metzgerei, daher mein Beruf. Man sagte damals,
ich hätte das große Los gezogen, weil ich genug zu essen hatte.
Vati hatte
zum Glück noch unsere neue Adresse im Felde erfahren und kam schnell im Juni
aus der Tschechoslowakei nach Riedlhütte.
Ausgebildet
als Lehrer, aber den Beruf nie ausgeübt, gab er Nachhilfe in der Umgebung,
wurde dann Volksschullehrer in Riedlhütte, später (1947) als Mathematiklehrer
am Gymnasium in Lohr am Main, um schließlich
als Prokurist (ab 1950) in seinem ausgeübten Beruf in Aschaffenburg tätig zu sein.
Wenn man
andere Berichte der Flucht liest, weiß man schnell, daß wir großes Glück mit
den Umständen hatten.
Heute besuchen wir unser ehemaliges Haus in Breslau fast regelmäßig und wir haben Freundschaft mit den dortigen Besitzern geschlossen.
Besuch
von Breslau am 2.-4. Juni 2008
Besuch
von Breslau am 19.September 2010